Zusammen wachsen

Aus der Reihe “Externe Foren” im Leibniz-Prinzip: Über die Auftaktveranstaltung der Didaktischen Werkstatt als Ort, sich phasenübergreifend zur Lehrerbildung auszutauschen und sich für die Unterrichtsgestaltung anregen zu lassen.

Ein Artikel mit zwei Bilderstrecken von Yannik Hehemann.

Prof. Sascha Schanze spricht vor dem Auditorium im Pferdestall. Prof. Sascha Schanze spricht vor dem Auditorium im Pferdestall. Prof. Sascha Schanze spricht vor dem Auditorium im Pferdestall.

„Sehen Sie, die Tatsache, dass ich keine fünf Minuten auf der Veranstaltung bin und schon ein Treffen mit Herrn Luislampe vom Studienseminar und Kollegen des Integrierten Fachs Naturwissenschaften ausgemacht habe, ist doch bemerkenswert.“, gibt sich Rudolph Kleine-Huster während seines Impulsvortrages erfreut. Der didaktischer Leiter der IGS Kronsberg betont: „Das zeigt einerseits, wie groß das System ist und welche unterschiedlichen Stellen alles vernetzt werden müssen in einem Fach. Es zeigt andererseits aber auch, wie nötig Vernetzung grundsätzlich ist.“ – Ein guter Startschuss für das Externe Forum. Das zur Institution werdende Format will den Austausch zwischen pädagogischen Entscheider*innen fördern – regelmäßig finden sich deshalb regional Beteiligte aus allen drei Phasen der Lehrerbildung an der Universität zusammen.

FORTSCHRITT DURCH VERNETZUNG

Bereits aus den anfänglichen Vorträgen im großen Saal des renovierten „königlichen Pferdestalls“ wird klar, dass sich in der Hannoveraner Lehrerbildung Einiges bewegt.

So stellt Brigitte Naber, Schulleiterin der IGS Roderbruch, das Kooperationsnetzwerk Q-IGS vor, welches Synergiepotentiale der Kooperation der integrierten Gesamtschulen zu finden sucht. Und zum ersten Mal bei einem Externen Forum skizziert ein Seminarleiter die typische Arbeit der sechs Hannoveraner Studienseminare: Stefan Luislampe spricht über die Tücken des Phasenübergangs in der Lehrerbildung und ruft dazu auf, die typischen pädagogischen Handlungsfelder über die Phasen hinweg zu integrieren. Von Seiten der Universität berichtet Prof. Sascha Schanze über die Fortschritte bei der Netzwerkstelle Leibniz School Connect, die Schulen und die LUH bezüglich zu vergebender Praktikumsplätze verknüpft und den Studierenden nun zentralisiert die Suche erleichtert.

Gerade angesichts dieser positiven Entwicklungen ist man sich nichtsdestotrotz der nötigen Innovationsgeschwindigkeit bewusst. So können sich viele der Anwesenden ein Schmunzeln nicht verkneifen, als Prof. Julia Gillen, Direktorin der LSE, mit einem Augenzwinkern darauf hinweist, dass es bei der Vernetzung mit den Schulen deutschlandweit „andere Unis sicherlich schon etwas weiter“ seien.

“WIE KRIEGEN WIR ES HIN, DASS LEHRKRÄFTE NICHT ZERBRECHEN?”

Den ganzen Nachmittag durchdringt der Eindruck, dass den Beteiligten die Erforderlichkeit des erfolgreichen Zusammenwirkens bewusst ist. So stellt Rudolf Kleine-Huster – selbst auch Lehrer – eine lange Liste mit Verbesserungsvorschlägen vor, die er bei angehenden Lehrkräften erhoben hat. Pointiert bringt Kleine-Huster die Schwierigkeiten anschließend zum Ausdruck: „Die Frage ist doch, wie wir es systemisch hinkriegen, dass keine werdenden Lehrkräfte später mehr an den vielfältigen pädagogischen Herausforderungen zerbrechen, gar Alkoholiker werden – sondern zwanzig, dreißig Jahre Lust haben, diesen Beruf auszuführen und Schüler*innen zu unterrichten“.

Diesen angedeuteten herausfordernden Lehreralltag kennzeichnen zunehmend auch neue Aufgaben, die im Leibniz-Prinzip mit dem digilab und divilab adressiert werden. Diese beiden Labs ergänzen die stärkere Praxisorientierung der zukünftigen universitären Lehrerbildung und befassen sich mit Digitalisierung bzw. Diversitätssensibilität. In diesen Zusammenhang passt, dass die kürzlich berufene Erziehungswissenschaftlerin Prof. Lysann Zander die anwesenden Schulrepräsentant*innen dazu ermuntert, sich an „WIRwerden“ zu beteiligen. In diesem Projekt etablieren Studierende ein Tandemmodell in fünften Klassen an interessierten Schulen: Schüler*innen mit Deutsch als Erstsprache unterstützen ihre Mitschüler*innen mit Deutsch als Zweitsprache beim Spracherwerb und entlasten so die Schulen bei dieser zeitaufwendigen Aufgabe. Gleichzeitig beschleunigt dies den Integrationsfortschritt merklich. In Zukunft soll die Altersspanne noch erweitert werden.

  • Professorin Julia Gillen, Leiterin des Leibniz-Prinzips, hält einen Impulsvortrag zur Eröffnung der Didaktischen Werkstatt

    Professorin Julia Gillen, verantwortlich für die Leitung des Gesamtprojekts Leibniz-Prinzip, eröffnet die Didaktische Werkstatt ...

  • Professor Sascha Schanze eröffnet die Didaktische Werkstatt vor dem Publikum im Saal des renovierten Pferdestalls.

    ... zusammen mit ihrem Kollegen Professor Sascha Schanze, dem Leiter des Handlungsfeldes "Moderne Lernformate".

  • Brigitte Naber hält eine Powerpointpräsentation zum Kooperationsnetzwerk der Gesamtschulen Q-IGS.

    Brigitte Naber, Schulleiterin der IGS Roderbruch, stellt das Kooperationsnetzwerk der Gesamtschulen Q-IGS vor.

  • Dr. Yvonne von Roux lächelt ihrem Kollegen Rudolph Kleine_Huster bei deren gemeinsamen Vortrag zu den Herausforderungen der Lehrerbildung wohlwollend zu.

    Die Vernetzungskoordinatorin Yvonne von Roux fokussiert sich in ihrem Vortrag ...

  • Kleine Huster gestikuliert enthusiastisch vor dem gebannt lauschenden Publikum.

    ... gemeinsam mit ihrem Ko-Referenten Rudolph Kleine-Huster auf die bestehenden Herausforderungen der Lehrerbildung.

  • Kleine-Huster verweist mit erhobenem Zeigefinger auf die Missstände in der Lehrerbildung.

    Der didaktische Leiter der IGS Kronsberg greift dabei zahlreiche Kritikpunkte von angehenden Lehrkräften auf (im Hintergrund).

  • Stefan Luislampe referiert zum Thema "Referendariat als Entwicklungsaufgabe".

    Speziell die Kritik an heterogenen Anforderungen über die verschiedenen Lehrerbildungsphasen klingt auch bei Studienseminarleiter Stefan Luislampe an.

  • Luislampe und weitere Lehrerbildner melden sich auf Nachfrage des Referenten.

    Herr Luislampe hier als engagierter Zuhörer in einem insgesamt aktiven Publikum.

  • Professorin Lysann Zander betrachtet mit dem Publikum zusammen das Cover ihres Buches und erklärt dazu.

    Professorin Lysann Zander stellt ihr Buch zum Projekt "WIRwerden" vor. Weiteres dazu finden Sie in der Infobox am Ende dieses Artikels.

EIN MARKT VOLLER MÖGLICHKEITEN

Im zweiten Teil des Nachmittags steht dann die universitäre Forschung und ihr Einfluss auf Hochschullehre und Schulunterricht im Vordergrund. In einem Markt der Möglichkeiten präsentieren Initiativen innerhalb der Universität ihre Services rund um die drei skizzierten Schwerpunkte. Exemplarisch werden hier zwei Initiativen mit bereits bestehender praktischer Umsetzung vorgestellt.

Promovent Matthias Haack präsentiert das Remote Lab, das zum selbst entwickelten Blended-Learning-Konzept des Zentrums der Didaktik der Technik gehört: Studierende der industriellen Steuerungtechnik können mit der Mini-Produktionstraße, welche einer realen industriellen Fertigungsanlage nachempfunden ist, ihre Programmierungen am Modell ausprobieren. Über das Internet geht dies dezentral auch vom eigenen Schreibtisch aus. Das Remote Lab hat dabei nicht nur den GOLC Award gewonnen, einen Preis für gelungene Digitalisierung in der Didaktik, sondern seine Nutzung wirkt sich laut Haack auch positiv auf die Klausurergebnisse aus: Studierende, die ihre Programmierung während des Semesters im Remote Lab testen, schneiden in den Prüfungen besser ab als ihre Kommiliton*innen, die darauf verzichtet hatten.

Mit dem Unterrichtskonzept „Blühende Fantasie“ von Masterstudent Marcel Bonorden und Botanik-Professorin Jutta Papenbrock wird ein Ansatz vorgestellt, der sich bereits im Schulalltag bewährt. Gemeinsam mit Gymnasiallehrkräften vermitteln Studierende in diesem Programm den Aufbau von Blüten mittels 3D-Druck: Die Schüler*innen modellieren die Blüten am Computer selbst und können das anschließend gedruckte Objekt mit der gelernten Vorstellung abgleichen. Tatsächlich deuten die zum Thema geschriebenen Masterarbeiten an, dass das Lernen botanischer Prinzipien und evolutionärer Entwicklungspfade auf diese Weise gründlicher und intuitiver als bisher geschehen kann.

Die beiden vorgestellten Projekte ergänzen ein weites Feld aus didaktischer Forschung und Initiative: Unter anderem werden entleihbare Eye-Tracking-Brillen zum Erfassen der Aufmerksamkeit Lernender beim Betrachten visueller Lehrmaterialien vorgestellt, E-Books zur kooperativen Seminardokumentation präsentiert, aber auch das kooperative Unterrichtskonzept Gesellschaftslehre erläutert, welches gesellschaftswissenschaftlich fundierte Fächer stärker holistisch konzipiert.

  • Eine Blüte aus dem 3D-Drucker

    Gediehen oder gedruckt? Auflösung: Dieses Exemplar ist nicht echt.

  • Professorin Papenbrock erläutert die Feinheiten der Blütenstruktur.

    Professorin Jutta Papenbrock erklärt wie Schüler*innen mit 3D-Druck leichter ein botanisches Verständnis entwickeln.

  • Masterstudent Bonorden vor einem Forschungsposter

    Masterstudent Marcel Bonorden vermittelt einen Eindruck der Neugierde, mit der die Lernenden der neuen Technologie entgegengetreten sind.

  • Wie aus dem Nichts wird eine fußballgroße Blüte vom 3D-Drucker erschaffen

    Der 3D-Drucker im Einsatz.

  • Matthias Haack steht neben dem der ungefähr kommodengroßen Apparatur, mit der Studierende von zu Hause ihre Programmierergebnisse ausprobieren können.

    Promovent Matthias Haack präsentiert das Remote Lab des Zentrums für Didaktik der Technik

  • Abgebildet ist eine Vorrichtung aus roten Steckelementen, die einer pneumatischen Presse nachempfunden zu sein scheint.

    Die Komponenten des preisgekrönten Remote Lab verfügen wie eine echte Produktionsstraße über unterschiedliche mechanische Funktionen.

  • Johannes Paehr vor einer Kamera, die den Referenten tracken kann.

    Der Fachmann für Eye-Tracking-Brillen und Promovent Johannes Paehr wird selbst von zwei Kameras "getrackt".

  • Das kooperative Unterrichtskonzept Gesellschaftslehre stellt sich vor.

Abgerundet wird das Externe Forum durch einen Plenumsaustausch der Beteiligten zu Kooperationsmöglichkeiten zwischen den drei Lehrerbildungsphasen. Zur Freude der Moderatorin und Organisatorin Dr. Yvonne von Roux bilden sich direkt vor Ort phasenüberschreitende Chat-Gruppen. Gleichzeitig werden auf Stellwänden Verbesserungsvorschläge und Anregungungen für Folgeveranstaltungen gesammelt, damit das Format auch in Zukunft die relevanten Akteur*innen erreicht. Für eine gelingende, phasenübergreifend abgestimmte Lehrerbildung wäre dies erfreulich.

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