PD Dr. Kirsten Twelbeck

Kirsten Twelbeck (Universität Augsburg) hat einen Vortrag zur literarischen Bearbeitung koreanisch-amerikanischer Immigration in der Reihe »mittwochs um vier« gehalten. Ihr Plädoyer für die Literaturwissenschaften findet sich im 2019 erschienenen Sammelband »Sprache, Flucht, Migration«.

ZUR PERSON

Kirsten Twelbeck ist Amerikanistin mit einem Schwerpunkt im Bereich Asian-American Studies. Ihre Doktorarbeit No Korean Is Whole – Wherever He Or She May Be? (2002) beschäftigt sich mit der Darstellung koreanisch-amerikanischer Identitäten im wechselhaften Kontext der US-Geschichte. Neben den Postcolonial und Gender/Queer Studies forscht sie zu transatlantischen Themen und interessiert sich für den Zusammenhang zwischen Nation Building, Citizenship und Religion im 19. und 20. Jahrhundert. In ihrer Habilitation untersucht sie die Hoffnungen und Ängste weißer Abolitionistinnen und Abolitionisten nach der Abschaffung der Sklaverei. Beyond the Civil War Hospital: The Rhetoric of Healing and Democratization in Northern Reconstruction Writing erscheint im Mai 2018 im transcript Verlag. 

VORTRAG IN DER REIHE »MITTWOCHS UM VIER«

SoSe 2018
Wem nützt Koreanisch-Amerikanische Literatur?

Die wenigsten wissen, dass Koreaner und Koreanerinnen die ersten Gastarbeiter waren, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland kamen, im Zuge eines Entsendeabkommens zwischen den beiden Staaten. Bis zur Wiedervereinigung waren Einwanderer_innen aus Südkorea die größte Bevölkerungsgruppe asiatischer Herkunft in Westdeutschland. Das Thema ist also auch ganz direkt eines unseres Landes. Dass dies so ist, lernte die Vortragende jedoch erst im Zuge ihrer Beschäftigung mit den USA, genauer: mit der koreanisch-amerikanischen Literatur, die mittlerweile auf eine Tradition zurückschauen kann, die mehrere Generationen umfasst. 

Woher rührt dieser Unterschied? Welche Bedingungen ermöglichten in den USA die Entstehung dieser dynamischen literarischen Entwicklung? Welche Rolle spielt diese Entwicklung für die Herausbildung eines dezidiert koreanisch-amerikanischen Prozesses der Selbstverständigung? Und: Was können wir in Deutschland durch das Lesen und Diskutieren »anderer« Texte lernen – über uns, über die »Anderen« und über die Problematik dieser Konstruktion? Mehr noch: Wie können wir  sowohl kognitiv als auch emotional  begreifen, dass das Fremde immer auch ein Eigenes ist? Dieser Vortrag ist ein Plädoyer für die Literatur, für das Lesen und für den unermesslichen Wert der Geisteswissenschaften.

BEITRAG IM SAMMELBAND 2019

Literaturwissenschaft als interkulturelles Training am Beispiel der koreanisch-amerikanischen Literatur [Beitrag 22]

Keywords

  • Literaturwissenschaft,
  • experimentelles Schreiben,
  • Wirkungsästhetik,
  • interkulturelles Lernen,
  • Kulturberührung,
  • Spiel,
  • Gender,
  • koreanisch-amerikanisch,
  • Postcolonial Studies.

Abstract

»Die folgenden Seiten sind ein Plädoyer nicht nur für das Lesen komplexer literarischer Texte, sondern auch für die Literaturwissenschaft. Im Zentrum steht ein Fallbeispiel, das sehr spezifisch und insofern nicht einfach verallgemeinerbar ist, das aber aufgrund seiner Radikalität dennoch Rückschlüsse auf das kreative und verändernde Potenzial literaturwissenschaftlichen Denkens zulässt. Gegenstand meiner Betrachtungen ist ein koreanisch-amerikanischer Experimentaltext – ein Werk also, in dem innovatives Schreiben mit einer starken kulturellen Komponente zusammenfällt. Aufgrund dieses Zusammenfallens stellt Theresa Hak Kyung Chas’ Dictee (1982) eine doppelte Provokation von Mehrheiten dar, die sowohl kulturell konnotiert als auch bestimmten Genrekonventionen verpflichtet sind. Doch da mein Gegenstand das Denken selber ist, steht nicht die ideologiekritische Aussage dieses Textes im Mittelpunkt, sondern die viel zu selten diskutierte Kernpraxis unseres Faches – jene langen Phasen der Textanalyse, in denen etwas passiert, das ich im Folgenden als »multikulturelle Flutung« bezeichne und als ein Training für den Umgang mit den globalen Umwälzungen unserer Epoche ansehe.« Kirsten Twelbeck 2019: 437