Prof. Dr. Hans Bickes

Hans Bickes (Deutsches Seminar) leitet das Projekt LeibnizWerkstatt. Er hat einen Vortrag in der Reihe »mittwochs um vier« gehalten. Sein Essay zur Bildungssprache findet sich im 2019 erschienenen Sammelband »Sprache, Flucht, Migration«.

ZUR PERSON

Hans Bickes ist Professor für Linguistik und Deutsch als Fremd- und Zweitsprache am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover. Nach Studium und Promotion an der Universität Heidelberg war er mehrere Jahre als DAAD-Lektor in Thessaloniki (Griechenland) tätig, anschließend für fünf Jahre Geschäftsführer der Gesellschaft für Deutsche Sprache in Wiesbaden. Nach weiteren drei Jahren auf einer kommunikationswissenschaftlichen Professur an der Hochschule Darmstadt führte ihn sein Weg 1996 nach Hannover.

VORTRAG IN DER REIHE »MITTWOCHS UM VIER«

SoSe 2016
Durchgängige Sprachbildung 

Angesichts der außerordentlich hohen Zuwanderungszahlen in den letzten beiden Jahren liegt derzeit ein bildungspolitischer Schwerpunkt auf Anfangsunterricht und Sprachlernunterstützung von geflüchteten Migrant_innen, die in großer Zahl mit oft sehr geringen Deutschkenntnissen einreisen. Mittelfristig wird es jedoch eine besondere Herausforderung sein, Kindern und Jugendlichen aus dieser Gruppe auch den Zugang zu einem gehobenen, bildungssprachlichen Sprachgebrauch zu erleichtern, der für eine erfolgreiche Schullaufbahn unverzichtbar ist. Konzepte der sogenannten »durchgängigen Sprachbildung«, die Sprachbildung zur schulischen Aufgabe aller Fächer machen, werden derzeit flächendeckend als geeignetes Instrument hierfür entwickelt.

BEITRAG IM SAMMELBAND 2019

Romantische Anmerkungen zur Bildungssprache – ein Essay [Beitrag 25]

Keywords

  • Bildungssprache,
  • Kompetenzen,
  • Sprache der Nähe,
  • Sprache der Distanz,
  • rationale Erkenntnis,
  • Verkörperung,
  • embodiment,
  • Objektivität,
  • Entsubjektivierung,
  • Empathie,
  • soziale Verantwortung.

Abstract

»Der vorliegende Essay will auf ein Paradoxon hinweisen, das mit der Rede von Bildungssprache einhergeht. Das bildungssprachliche Programm, wie es etwa in Konzepten des sprachsensiblen Unterrichtens vertreten wird, tritt mit dem löblichen Anspruch auf, Barrieren zu überwinden, die sich aus dem Zusammenspiel einer Sprache der Distanz und dem Bedürfnis nach einer rationalen und objektivierten Erkenntnis ergeben. Dieses Programm stellt sich in eine lange Tradition der Trennung von Ratio und Körper. In dem Maße, wie wir Schüler_innen in die dekontextualisierten, entsubjektivierten und scheinbare Objektivität verheißenden Sprachspiele von Bildungs- und Wissensinstitutionen einüben, entfremden wir sie u. U. einer Kommunikationsform der Nähe und sozialisieren sie in eine künftige Welt des Digitalen, in der Entscheidungen kühl rechnender künstlicher Intelligenz überantwortet werden. Doch erst die sinnliche Verkörperung der Sprache der Nähe in den Subjekten einer sozialen Gemeinschaft verknüpft Erkenntnis mit Emotion, Empathie und sozialer Verantwortung und schließt Entscheidungen an das Gewissen autonomer Subjekte an.« Hans Bickes 2019: 493