Dr. Rafael Ugarte Chacón

Rafael Ugarte Chacón (Institut für Philosophie) hat drei Vorträge zu Theater, Hörenden und Gehörlosen in der Werkstatt und in der Reihe »mittwochs um vier« gehalten. Sein Aufsatz zu ästhetischer Inklusion und Zugängen findet sich im 2019 erschienenen Sammelband »Sprache, Flucht, Migration«.

ZUR PERSON

Dr. Rafael Ugarte Chacón ist Koordinator des philosophischen Graduiertenkollegs "Integrating Ethics and Epistemology of Scientific Research" (Leibniz Universität Hannover/Universität Bielefeld). Er promovierte am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin über Theateraufführungen, die sich gleichermaßen an Gehörlose und Hörende richten. Daneben arbeitete er als Regieassistent und Dramaturg in Theaterprojekten mit gehörlosen, schwerhörigen, hörenden und mehrfachbehinderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit und ohne Migrationshintergrund.

VORTRÄGE IN DER WERKSTATT UND IN DER REIHE »MITTWOCHS UM VIER«

Aprilwerkstatt, 2017; WiSe 2017/18
(a) Ästhetiken des Zugangs - Theater für Gehörlose und Hörende

Wie gestaltet man ein Theater, das die körperlichen und kulturellen Unterschiede zwischen Gehörlosen und Hörenden berücksichtigt? Wie wird dabei mit Verständigungsschwierigkeiten umgegangen? Und welche Machtgefälle und Diskriminierungsstrukturen bestehen? Anhand mehrerer Beispiele werden Grenzen und Potentiale interkultureller Aufführungen für Gehörlose und Hörende mit und ohne Migrationshintergrund diskutiert. 

SoSe 2019
(b) »Theater für alle«? – Inklusion und Exklusion im Theater am Beispiel Gehörloser und Hörender

In der Literatur zu Theater und Behinderung werden Menschen mit Behinderung zumeist als Akteurinnen und Akteure auf der Bühne betrachtet – als Objekte des Blicks von Menschen ohne Behinderung. Wenn hingegen Zuschauerinnen und Zuschauer mit Behinderung in den Fokus rücken, geschieht dies häufig aus einer »technokratischen« Perspektive: Wird Audiodeskription bereitgestellt? Gibt es Übertitel oder eine Verdolmetschung in Gebärdensprache? Diese accessibility tools zeigen nicht nur, dass das Theater im Allgemeinen ein überaus exklusiver Ort ist, sondern sie etablieren Zuschauerinnen und Zuschauer mit Behinderung auch als eine distinkte Gruppe von Menschen, die vermeintlich oder tatsächlich nicht in der Lage sind, einer regulären Aufführung zu folgen. Theater wird hier also nach wie vor als ein Ort für Menschen ohne Behinderung gedacht, der durch nachträgliche Anpassungen zeitweise für Menschen »mit besonderen Bedürfnissen« zugänglich gemacht wird.
Ich vertrete die These, dass es für ein »Theater für alle« nicht ausreicht, nachträglich einen barrierefreien Zugang herzustellen. Vielmehr muss ein Theater, das Zuschauerinnen und Zuschauer mit und ohne Behinderung gleichermaßen ernst nimmt, neue Ästhetiken entwickeln, die die Wahrnehmungsmodi und kulturellen Hintergründe eines heterogenen Publikums von Anfang an berücksichtigen. Dieser These soll anhand von Beispielen aus dem Theater für Gehörlose und Hörende nachgegangen werden.

BEITRAG IM SAMMELBAND 2019

Ästhetik des Zugangs: Kommunikation und Sprache im Theater für Gehörlose und Hörende [Beitrag 21]

Keywords

  • Politische Bildung,
  • Staatsbürgerschaft,
  • Inklusion,
  • Teilhabe,
  • acts of citizenship,
  • Exclusionsmechanismen,
  • Inclusive Citizenship.

Abstract

»Im Theater, das sich gleichermaßen an Gehörlose und Hörende richtet, spielen Sprache und Kommunikation immer eine zentrale Rolle. Anders als in Alltagssituationen kann der prekären Kommunikationssituation nicht einfach durch eine Verdolmetschung begegnet werden. Diese würde sowohl den ästhetischen als auch den sozialen Bedingungen und Ansprüchen von Theateraufführungen nicht gerecht. So kann Sprache im Theater nicht auf ihren semantischen Gehalt reduziert werden. Gleichzeitig muss die ästhetische Gestaltung von Aufführungen die Heterogenität des Publikums berücksichtigen. Ich schlage eine Ästhetik des Zugangs vor, welche die körperlichen, hierarchischen und kulturellen Unterschiede von Gehörlosen und Hörenden nicht nur berücksichtigt, sondern auch ästhetisch nutzt.« Rafael Ugarte Chacón 2019: 417