PD Dr. Nina Clara Tiesler

Nina Clara Tiesler (Institut für Soziologie) hat zwei Vorträge in der Reihe »mittwochs um vier« gehalten. Ihr Beitrag findet sich im 2019 erschienenen Sammelband »Sprache, Flucht, Migration«.

ZUR PERSON

Nina Clara Tiesler promovierte in Religionswissenschaft über Muslim_innen in Europa und Identitätspolitik (Hannover 2004) und war im Anschluss daran zehn Jahre am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lissabon in der empirischen (Feld-)Forschung tätig. Seit 2013 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Soziologische Theorie an der Leibniz Universität Hannover und habilitierte sich 2015 in der Soziologie und Kulturanthropologie mit einer Arbeit über die Entstehung von Ethnizität

VORTRÄGE IN DER REIHE »MITTWOCHS UM VIER«

WiSe 2017/18
(a) Ethnizität als reale Fiktion – Diskursive Konstruktionen mit gesellschaftlicher Wirkungsmacht 

Die Wortschöpfung »ethnische Konflikte« kolportiert, dass Ethnizität Gewalt produzieren würde. Spätestens seit der fundierten Analyse des Bosnien Konflikts wissen wir, dass es sich andersherum verhält: Hier produzierte die Erfahrung von Gewalt Ethnizität. Was also ist Ethnizität? In der diskursiven Konstruktion gesellschaftlicher Gruppierungen und Großgruppen werden Herrschaftsverhältnisse und Etablierten-Außenseiter-Konfigurationen sichtbar. Gerade die prominenteste Form von Identitätspolitik, nämlich Ethnizität, organisiert dabei - wie auch immer definierte - »kulturelle« Unterschiede in Mustern sozialer Ungleichheit. Während die Entstehung und wechselnde Formen von Ethnizität gesellschaftlich konstruiert, situativ und historischen Zufällen unterworfen sind, haben ethnisierende Identitätspolitiken doch eine objektive Wirkungsmacht - und können im Alltagsbewusstsein in Zeiten von Traditionsverlust die Funktion einer Sinnplombe erfüllen.

SoSe 2019
(b) Zwischen Prestige und sozialer Isolation, Rampenlicht und Abseits: Migrationsbiographien internationaler Fußballspielerinnen

Während der »Transfermarkt« im Männerfußball  medial präsent ist, weiß die Öffentlichkeit wenig über internationale Migration im Frauenfußball. Tatsächlich unterhalten nur wenige Länder Profiligen für Frauen. Mit der Konsequenz, dass hochqualifizierte Fußballerinnen aus gut 80% aller Länder ihr Heimatland verlassen müssen, wenn sie als Profi spielen wollen. Der Vortrag stellt die Migrationsrouten und -projekte dieser Frauen dar. Basierend auf den Interviews mit 49 mobilen Spielerinnen aus sieben verschiedenen Ländern werden die Beweggründe und Erfahrungen der Fußballerinnen, die meist einem Nationalkader angehören, beschrieben. Die Analyse deutet auf enorme Unterschiede je nach Herkunftsland, in denen sich soziale und globale Ungleichheiten spiegeln. Wie (er-)geht es den Frauen, die, zumeist um sich den Traum der Profi-Karriere erfüllen zu können, Grenzen überqueren? Wie erleben sie die Arbeit in einem anderen Land und welche gesellschaftlichen Erfahrungen machen sie fernab des Fußballfeldes?

BEITRAG IM SAMMELBAND 2019

Warum Ethnizität? Diskursive Konstruktionen mit gesellschaftlicher Wirkungsmacht [Beitrag 5]

Keywords

  • Ethnizität,
  • Identitätspolitik,
  • Qualitative Sozialforschung,
  • Ethnizitätstheorie,
  • Ethnogenese,
  • Migrationsbewegungen.

Abstract

»Die Wortschöpfung ‚ethnische Konflikte‘ kolportiert, dass Ethnizität Gewalt produzieren würde. Analysen des Bosnienkonflikts hingegen deuten darauf, dass es sich andersherum verhält: Hier produzierte die Erfahrung von Gewalt Ethnizität. Was also ist Ethnizität? Der Beitrag verbindet soziologische und kulturanthropologische Perspektiven, um das theoretische Verständnis von Entstehungs-, Wandlungs- und Auflösungsprozessen von Ethnizität zu schärfen. Die empirische Basis liefern die Ergebnisse mehrerer Fall- und Langzeitstudien über portugiesische Emigrant_innen in verschiedenen Ländern einerseits, und über portugiesische Muslim_innen indisch-mosambikanischer Herkunft andererseits. In Einklang mit den Narrativen der begleiteten Familien zeigt die vorliegende Analyse, dass Ethnizität weder als eine Form kollektiver Subjektivität noch als ein unveränderbarer Teil des Selbst verstanden werden kann, sondern vielmehr als eine unter vielen Mitgliedschaftsrollen, die Individuen annehmen und/oder die ihnen zugeschrieben werden. Als Oberbegriff, der diese anhaltend dynamischen, situativen und historisch kontingenten, formativen Prozesse fassen kann, wird für die Prozesskategorie Ethnoheterogeneseargumentiert.« (Nina Clara Tiesler 2019: 131)