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»mittwochs um vier«: Fluchtmigration durch die Sprachbrille, 5. Februar 2020

»mittwochs um vier«: Fluchtmigration durch die Sprachbrille, 5. Februar 2020

Den Abschluss der Vortragsreihe im Wintersemester 2019/20 bildet am 5. Februar 2020 ein Beitrag der Projektverantwortlichen Radhika Natarajan. Unter dem Titel »Struktur als Halt oder die Verschiedenheit gleichlautender Begrifflichkeiten« wird sie ihre Überlegungen zu Fluchtmigration durch die Sprachbrille mit uns teilen.

Laut dem Sachverständigenrat für Migration und Integration war Familienzusammenführung bis 2015 eine der häufigsten Migrationsarten, mithilfe derer sich der Lebensmittelpunkt Drittstaatsangehöriger in die Bundesrepublik Deutschland verlagern ließ. Zeitweilig steht zwar Asyl an erster Stelle, doch der Vorrang des Familiennachzugs bleibt unangefochten bedeutsam, dafür aber vergleichsweise wenig thematisiert. Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche sind davon betroffen, und dies trifft sowohl bei freiwilliger Arbeits- und Bildungsmigration als auch bei erzwungener Fluchtmigration zu, zumal die Grenzen zwischen den Migrationsarten immer schwieriger eindeutig festzulegen sind. Entsprechend vielfältig sind die mitgebrachten sprachlichen Ressourcen im biographischen Gepäck, sodass innerhalb einer einzigen Familie einige mit einer, andere mit mehreren Sprechsprachen einreisen, aufwachsen und den Alltag gestalten. Um der sprachlichen Mehrschichtigkeit der Gegenwart nachzuspüren, lohnt sich ein Blick in Studien zu bestehenden Flüchtlingscommunities.

Der Vortrag nimmt biographisch-narrative Interviews mit sri-lankisch tamilischen Flüchtlingsfrauen als Grundlage für seine Überlegungen und geht vier Aspekten nach: Wie beeinflussen bestehende institutionelle Rahmenbedingungen im Aufnahmeland den Zugang zur Landessprache Deutsch? Wie prägen die im Exil entstehenden Selbst- und Gruppenzwänge die Einstellung zu mitgebrachten und vorzufindenden Sprachen? Welches Verständnis herrscht hierbei, wenn in den Interviews einerseits von ›wir‹, ›unser Kampf‹, ›unsere Sprache‹ und andererseits in den Diskursen über Geflüchtete und Migrierte von ›Mehrsprachigkeit‹, ›Herkunftssprache‹ die Rede ist? Allen Fragen gemeinsam sind der Faktor ›Struktur‹ auf verschiedenen Ebenen, und zwar einengende und befreiende, vorgegebene und erfundene Strukturen, die den nötigen Halt – oder zumindest den Schein davon – in der diasporischen Ferne bzw. im Aufnahmeland bieten, sowie gleichklingende Begrifflichkeiten bezüglich Sprache und Migration mit je unterschiedlicher Auslegung.

Zur Person

Radhika Natarajan, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leibniz School of Education und Lehrbeauftragte am Deutschen Seminar, ist zuständig für das Projekt LeibnizWerkstatt zur Sprachlernunterstützung für Geflüchtete. Sie organisiert u. a. die interdisziplinäre Vortragsreihe »mittwochs um vier« an der Leibniz Universität Hannover und gab 2019 das Sammelwerk Sprache, Flucht, Migration. Kritische, historische und pädagogische Annäherungen heraus. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind sprachliche Alltagsbewältigung und migrationsbedingte Mehrsprachigkeit, insbesondere in Bezug auf migrierte und geflüchtete Frauen.

Wie immer sind alle Interessierten herzlich eingeladen, dem Vortrag beizuwohnen. Wir treffen uns auch im Wintersemester 2019/20 im Raum 109 im Conti-Hochhaus (Gebäude 1502), Königsworther Platz 1.

Verfasst von Team LeibnizWerkstatt