Translanguaging: Eine neue Perspektive auf mehrsprachige Praktiken

Prof. Dr. Jannis Androutsopoulos (Universität Hamburg)

Sprache als das Medium des Werdens

Der Beitrag am 16.01.2019 stand ganz im Zeichen des Translanguaging. Diese neuartige Perspektive auf mehrsprachige Praktiken brachte uns Prof. Dr. Jannis Androutsopoulos von der Universität Hamburg in einem äußerst interessanten Vortrag näher. Translanguaging ist ein relativ neuer und sehr moderner Begriff, der einen theoretischen Paradigmenwechsel darstellt, indem er sich klar vom Begriff des Multilingualism abgrenzt. Seine konzeptuelle Ausgestaltung, so die These des Vortrags, macht ihn geeignet, bislang marginalisierte, gleichsam unsichtbare Phänomene zu untersuchen.

Im ersten Schritt betrachtete Prof. Androutsopoulos verschiedene theoretische Annäherungen an Translanguaging, um zu einer Begriffsbestimmung zu gelangen. Unter Translanguaging können demnach multiple Diskurspraktiken verstanden werden, derer sich Mehrsprachige bedienen, um ihren mehrsprachigen Lebenswelten einen Sinn zu verleihen. Wir haben es hierbei mit einem multimodalen, multi-semiotischen System zu tun, mit einer komplexen Verflechtung sprachlicher Praktiken, die nicht unbedingt eindeutig dieser oder jener Einzelsprache zuzuordnen sind, sondern über diese Ebene hinaus gehen. Wir finden Netzwerke, fließende Übergänge, nicht vorhersehbare Phänomene. Diese Eigenschaften verleihen dem Translanguaging ein transformatives Potenzial für die individuelle Kognition und die Identität, ebenso wie für soziale Strukturen. Translanguaging kann nach diesem Verständnis (auch) als Dachbegriff für Praktiken in Migrationskontexten bzw. unter den Bedingungen erhöhter Mobilität angesehen werden.

In der Literatur finden sich vier Begriffsbestimmungselemente für Translanguaging: 1) Es bezeichnet Praktiken, nicht etwa Sprachwissen oder Strukturformen. Praktiken sind Handlungen, sie sind sozial situiert und identitätsrelevant. Im Gegensatz zu automatisierter Sprachverwendung sind sprachliche Praktiken zielgerichtet. 2) Der Begriff geht von einer »dynamischen Integration« sprachlicher Ressourcen in Praktiken und Kognition aus. 3) Translinguale Praktiken beschränken sich nicht auf ein Medium oder auf einen Modus, d. h. jegliche Erscheinungsform von Sprache ist aus diesem Blickwinkel von Interesse und insbesondere auch die Wechselwirkungen zwischen einzelnen Erscheinungsformen. Translanguaging kann unter dieser Perspektive verstanden werden als ein Ensemble sprachlicher Praktiken in Hinblick auf ein gemeinsames Ziel. 4) Translinguale Praktiken sind sprachreflexiv, die Reflexion ist stets Teil der Praktik. Wir haben es mit einem sprachlichen »Hin-und-her« zu tun, das fortlaufend reflektiert wird, indem im Rahmen von Tätigkeiten wie Lernen, Dolmetschen und Übersetzen Bedeutungs- und Äquivalenzbeziehungen thematisiert und hinterfragt werden.

Auf welche Gegenstandsbereiche lässt sich der Begriff des Translanguaging nun anwenden? Speziell drei Bereiche sind hier denkbar, wie Herr Prof. Androutsopoulos abschließend anhand verschiedener Beispiele darlegte: 1) Der Begriff ist geeignet, um kommunikative Praktiken zu beschreiben, für die bislang kein linguistischer Analyserahmen zur Verfügung stand, die demnach bisher noch nicht wirklich als Forschungsgegenstände konstituiert sind. 2) Es lassen sich mehrsprachige Praktiken und deren Produkte auch jenseits der formalsprachlichen Bestimmung beschreiben. 3) Schließlich ist Translanguaging auch ein geeigneter Analyserahmen für mediale Texte, die verschiedene Modalitäten und Medialitäten in sich vereinen.

 Der Begriff des Translanguaging, so das Fazit des Vortrags, gewährt uns ganz neue Perspektiven auf Sprache und Sprachlichkeit, indem er eine neue Theoriedebatte eröffnet und Phänomene untersuchbar macht und in den Fokus rückt, die sich bislang »unter dem Radar« der Soziolinguistik befunden hatten.

(Tina Krohn)