Heißgehasste Fertigkeit – (Briefe-)Schreiben in den Integrationskursen

Ketevan Zhorzholiani (Werkstatt Plus)

Die Dominanz der instrumentellen Schreibübungen

Am 06.02.2019 wurde die Vortragsreihe des Wintersemesters 2018/2019 durch einen Beitrag aus der Werkstatt beschlossen: Ketevan Zhorzholiani, Verantwortliche und Durchführende des Zusatzangebots Werkstatt Plus und erfahrene Dozentin des Deutschen als Fremd- und Zweitsprache, informierte die Interessierten umfassend über das Schreiben in Integrationskursen. Die Vortragende schuf hierfür eine theoretische Basis, die sie mit Beispielen aus ihrer eigenen Tätigkeit als Lehrkraft in diversen Kursen illustrierte.

Warum ist das Schreiben von Briefen in Integrationskursen ein spannendes Thema? Die Kurse sind seit dem Jahr 2015 ein Thema von zentralem Interesse. Insbesondere werden geeignete Kurse für junge Menschen benötigt, die in Deutschland eine berufliche Karriere anstreben. Hierfür ist der umfassende Erwerb der Schriftsprache unerlässlich. Wenn allerdings jemals wirklich kommunikativ in den Kursen geschrieben wird, dann handelt es sich um Briefe – »Und sie hassen es wirklich!«, wie Frau Zhorzholiani am Ende ihrer Einleitung betonte.

Der erste Block des Vortrags befasste sich mit der Kursstruktur im Allgemeinen. Die Vortragende präsentierte Zahlen und Fakten zu den Integrationskursen und den verschiedenen Kursarten, ging näher auf die Struktur des Teilnehmendenfelds und dessen große Heterogenität ein, legte einen Fokus auf das Thema Alphabetisierung und thematisierte die inhaltlichen Schwerpunkte der Kurse. Hier zeigen sich eine große Dominanz alltagsrelevanter Themen und eine primäre Orientierung an alltäglicher mündlicher Kommunikation – was erklärt, wieso eine bestandene B1-Prüfung einfach nicht ausreicht für eine erfolgreiche berufliche Ausbildung, die nicht ohne Schriftsprache auskommt.

Nach der praxisbetonten Einführung widmete sich der Vortrag den theoretischen Grundlagen. Neben den Begriffen der Erst-, Zweit- und Fremdsprache (letztere sind in der Realität der Integrationskurse nicht klar trennbar) wurden die verschiedenen Fertigkeiten der Sprache (Hören, Sprechen, Lesen, Schreiben) näher thematisiert. Weiterhin wurde auf verschiedene Modelle eingegangen, die dem seit einigen Jahren aktuellen Diskurs um die sogenannte Bildungssprache zugrunde liegen: Die Sprache der Nähe und Distanz, die Eigenarten von konzeptioneller und medialer Mündlichkeit und Schriftlichkeit sowie die Unterschiede zwischen BICS (Basic Interpersonal Communicative Skills) und CALP (Cognitive Academic Langugage Proficiency) wurden in diesem Zusammenhang näher erläutert. Ein großes Problem: Die konzeptionelle Schriftlichkeit kann lernungeübte Menschen nicht nur sprachlich, sondern auch kognitiv überfordern.

Der nächste Teil des Vortrags widmete sich dem Schreiben an sich und dessen verschiedenen Funktionen in Kurskontexten. So wird unterschieden zwischen dem Schreiben als Mittelfertigkeit und Zielfertigkeit. Schreibübungen lassen sich unterteilen in instrumentelle, präkommunikative, kommunikationssimulierende und kommunikative Schreibaufgaben, wobei im Unterricht primär die erste Form zum Einsatz kommt. Bei derlei Aufgaben ist das Schreiben nur Mittel zum Zweck, die Aufgaben trainieren etwa den Wortschatz, die Rechtschreibung oder die Grammatik. Weiterhin ging die Vortragende auf verschiedene Modelle des Schreibprozesses ein, erläuterte die besonderen Schwierigkeiten des Schreibens in einer Fremdsprache und stellte Modelle der Schreibentwicklung vor, wobei sie verdeutlichte, dass die höheren Stufen im Rahmen eines konventionellen Integrationskurses nicht realistisch erreichbar sind.

Aufbauend auf konkreten Textbeispielen, die der Prüfungsvorbereitung in verschiedenen Kursen entstammten, kam die Vortragende zu dem Fazit, dass die Kursformate und die zur Verfügung stehende Zeit nicht ausreichend sind, um die Zugewanderten angemessen auf eine erfolgreiche Teilhabe am deutschen Arbeitsmarkt vorzubereiten. Es werden geeignete Kursformate benötigt, die konzeptionelle Schriftlichkeit und CALP über B1-Niveau besonders fördern. Mehr Zeit und eine gezielte Förderung des akademischen Sprachgebrauchs wären nötig, um den Kursteilnehmenden speziell ab der Niveaustufe B2 zum erfolgreichen Erwerb nicht nur der deutschen Alltagssprache, sondern insbesondere auch der für den beruflichen Erfolg mindestens hilfreichen, in vielen Bereichen auch notwendigen Bildungssprache zu verhelfen.

(Tina Krohn)