»Die Zeitform verwechselt den Wort.« – Sekundarstufenschüler_innen erklären grammatische Phänomene

Prof. Dr. Tabea Becker (Deutsches Seminar)

Wie sieht Grammatik im Kopf der Schülerinnen und Schüler aus?
Ausgangsfrage des Vortrags

Am 09.01.2019 startete die Vortragsreihe mit einem »hauseigenen« Beitrag ins neue Jahr: Prof. Dr. Tabea Becker, Sprachdidaktikerin vom Deutschen Seminar, berichtete uns von einem Forschungsprojekt, das sich mit den Erklärungen von Schülerinnen und Schülern für grammatische Phänomene beschäftigt.

Die Frage nach der Grammatik ist bis heute die zentrale Gretchenfrage der Sprachdidaktik: Wie viel Grammatik ist notwendig und wie viel ist zu viel? Ab wann und wie intensiv sollte sie behandelt werden, auf welche Weise sollte man sie vermitteln und welche Grammatiktheorie sollte man dem Unterricht zugrunde legen? Viele Fragen sind nach wie vor offen – bekannt ist jedoch: Über das Grammatikwissen von Schülerinnen und Schülern wissen wir bislang nur sehr wenig. Aus diesem Grund befasst sich das Forschungsteam um Frau Prof. Becker mit drei zentralen Fragen: Wie äußern sich SuS über Sprache? Wie explizieren sie sprachliches Wissen? Und welche Formen der Verbalisierung nutzen sie?

Die Hinweise aus der Forschung zu diesen Themen sind bislang eher spärlich: Es ist davon auszugehen, dass häufig zwar bestimmte Begriffe erlernt, nicht aber die dahinter stehenden Konzepte durchblickt werden. Statt explizitem Wissen steht vielen SuS primär Anwendungswissen zur Verfügung (»Sie können nicht sagen, was sie da machen und warum.«); Wissensstrukturen bleiben auf allen Ebenen diffus. Da bisherige Forschungen aber in der Regel sehr punktuell angesetzt hatten, setzte sich die vorgestellte Untersuchung das Ziel, eine größere Stichprobe mit einem breiteren Bildungsspektrum zu betrachten und auch die Entwicklung über größere Zeiträume hinweg in den Blick zu nehmen.

Zu diesem Zweck wurde mit insgesamt 357 SuS aus Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien, IGSen und Berufsschulen eine Studie durchgeführt, in deren Rahmen grammatische Fehler in einem Text durch die SuS identifiziert, korrigiert und erklärt werden mussten. Die Erklärungen wurden zudem im Rahmen von halbstrukturierten Interviews mit einigen SuS vertieft. Einige Ergebnisse sind besonders hervorzuheben: Dezidierte Systemverstöße werden in allen Schulformen und Altersstufen besonders häufig identifiziert; mit Zweifelsfällen tun sich die Kinder und Jugendlichen deutlich schwerer. Zudem zeigen sich frappierende Unterschiede zwischen den verschiedenen Schulformen.

Beide Teile der Untersuchung (also die mündlichen Interviews ebenso wie die schriftliche Aufgabe) förderten Formen expliziten Grammatikwissens auf drei Ebenen zu Tage: 1) Auf der Ebene des bedingt verbalisierbaren Wissens wird mit dem Sprachgefühl argumentiert oder angegeben, etwas »klinge besser« oder »sei eben so« etc. 2) Auf der Ebene des alltagssprachlich verbalisierbaren Wissens werden allgemeingültige Regeln formuliert, man argumentiert mit Grammatik, Stilistik, Orthografie etc. 3) Auf der dritten Ebene schließlich findet sich fachsprachlich verbalisierbares Wissen: Termini wie »Mehrzahl« oder »Genitiv« werden verwendet – jedoch lassen die Erklärungen häufig erkennen, dass die zu den Begriffen gehörenden Konzepte im besten Fall als vage bezeichnet werden können. Es zeigt sich daran, dass die Konzepte und Begriffe den Kindern zwar früh vermittelt werden, die passende Anwendung aber häufig ausbleibt.

Die Explizierbarkeit und Verbalisierbarkeit sprachlichen Wissens seitens der untersuchten Schülerinnen und Schüler lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: 1) Die SuS zeigen große Schwierigkeiten, grammatische Phänomene (fachsprachlich) zu verbalisieren und sprachliche Phänomene zu explizieren. 2) Die fachsprachliche Verbalisierung beschränkt sich häufig auf basale Begriffe wie »Mehrzahl« oder »Akkusativ«, die allein nicht hinreichend zur Lösung sprachlicher Probleme sind. 3) Häufig wird implizites Wissen aktiviert, das im Nachhinein mit explizitem Wissen – mehr oder minder passend – »etikettiert« wird, statt explizites Wissen zur Problemlösung heranzuziehen.

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen stellt sich die Frage, ob das Wissen und Können der Schülerinnen und Schülern überhaupt anschlussfähig an die schulischen Vermittlungsprozesse ist und ob Grammatikwissen nicht ein Stück weit unzulänglich für eine bewusste Bearbeitung ist. Kann eine explizite Instruktion also überhaupt funktionieren? Diese Fragen sind bis heute ungeklärt.

(Tina Krohn)