Bildungschancen an Grundschulen verbessern

PD Dr. Eva Kalny (Institut für Didaktik der Demokratie)

It’s not about passing tests!
Schulleiter im Interview

PD Dr. Eva Kalny vom Institut für Didaktik der Demokratie berichtete uns am 05.12.2018 von einem aktuellen Forschungsprojekt auf EU-Ebene, in dessen Rahmen sie sich mit der Frage auseinandersetzt, wie es um die Bildungschancen an Grundschulen bestellt ist und wie man diese verbessern könnte.

Das Projekt vergleicht ausgewählte Grundschulen in mehreren europäischen Ländern, namentlich in Großbritannien, Frankreich, Italien und Griechenland, wobei die Parkinson Lane Community Primary School im englischen Halifax als Vergleichsfolie und Vorbild fungiert. Diese befindet sich in einem primär pakistanisch geprägten Viertel, das Umfeld ist unsicher, die ökonomischen Bedingungen prekär. Ehe die Parkinson Lane im Jahr 2000 einen neuen Schulleiter erhielt, gehörte sie zu den schlechtesten Schulen Großbritanniens und sollte geschlossen werden. Heute hat sich das Bild grundlegend gewandelt: Die Schule gehört zu den besten drei Prozent der britischen Schulen und hat viel mehr Interessenten, als sie aufnehmen kann.

Frau Dr. Kalny beschreibt die Atmosphäre dort wie folgt: »Dort hinzukommen hat das Bedürfnis ausgelöst, wieder Kind zu werden.« Die Stimmung in der Parkinson Lane ist überaus angenehm, es herrscht eine Atmosphäre der Offenheit und des allumfassenden Willkommens. Die Arbeit wird dominiert durch gemeinschaftliche Arbeit in Verbindung mit individueller Förderung. Kernstücke des Ansatzes sind Theater und Musik: Jede Klasse führt pro Schuljahr ein Theaterprojekt durch, das sich durch ein hohes sprachliches Niveau auszeichnet und in den Unterricht aller Fächer mit einfließt. Die Aufführungen am Ende des Schuljahres haben den Charakter von großen Community-Festen; generell ist die Schule in der Gemeinde gut verankert und erfährt einen starken Rückhalt. Der Umgang mit den Kindern, speziell mit verwöhnten Jungen, ist streng; die Kinder sind dabei äußerst kritikfähig und legen ein beeindruckendes Reflexionsniveau an den Tag.

Der Erfolg der Schule, so ist sich Frau Dr. Kalny sicher, hängt im großen Maße mit der Person des Direktors zusammen – den sie im zweiten Teil des Vortrags live per Skype zuschaltete und zu mehreren Kernthemen befragte, ergänzt durch Fragen aus dem Publikum. Im Rahmen dieses Gesprächs ging es zunächst um den Werdegang der Parkinson Lane und um die wichtigsten Aspekte, die zum Wandel geführt haben. Hier steht im Mittelpunkt die grundsätzliche Frage, was Bildung ist. Zentral sei hierbei, dass die Kinder ihren Platz in der Gesellschaft finden und Widerstandskräfte gegen schädliche Einflüsse entwickeln. Kunst und Theater werden hierfür als zentrale Vehikel angesehen.

Weitere Fragen drehten sich um die Rolle der Schule in der Community (insgesamt ausgezeichnete Vernetzung) und die Beziehungen zwischen der Schule und den Eltern (nicht immer unproblematisch – »Fünf Prozent der Eltern benötigen 95 Prozent der Zeit«). Ein zentraler Faktor, der für den Erfolg mitverantwortlich ist, ist die Vielzahl der in der Schule zur Verfügung stehenden Clubs: Diese von Lehrkräften betreuten, freiwilligen Angebote akademischer, sozialer, künstlerischer oder auch sportlicher Natur haben sehr positive Auswirkungen auf den schulischen Werdegang der Kinder.

Die Wichtigkeit der Clubs erklärt sich aus dem Hintergrund der Eltern vieler Kinder, die häufig arm und ohne Arbeit sind und sich oft nicht angemessen um die Kinder kümmern. In vielen Fällen wird die englische Sprache nicht oder nur wenig beherrscht und der Stellenwert der Bildung ist eher als gering anzusehen. Daher wären viele Kinder sich selbst überlassen oder würden die Nachmittage in der Moschee verbringen (wo sich wiederum niemand um sie kümmern würde), wenn die Clubs nicht wären.

Nach dem Skype-Intermezzo wurden Verständnisfragen geklärt und weitere Nachfragen diskutiert; zum Schluss führte Frau Dr. Kalny einen Videoclip von einer Theateraufführung der zweiten Klassen vor. Abschließend und gleichzeitig zentral stellt sich die Frage: »Was können wir von dem Modell lernen und replizieren?« Dies wird im weiteren Verlauf des Projekts zu klären sein.

(Tina Krohn)