Was heißt »postfaktisches Zeitalter«? Zur Sozialpsychologie des aktuellen Rechtspopulismus

Prof. Dr. Rolf Pohl (AG Politische Psychologie)

Postfaktisches Zeitalter der Lüge, der Halbwahrheit und der Heuchelei  

Thema des Vortrags vom 15.11.2017 von Prof. Dr. Rolf Pohl, Gründer und Koordinator der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie, waren Erscheinungsformen, Charakteristika und Wirkungsweisen des aktuellen Rechtspopulismus, wie wir ihn beispielsweise bei der AfD und Pegida finden.

  • Auf eine Vorbemerkung, in der aktuelle Zahlen angesprochen und eine Übersicht über rechtspopulistische Strömungen gegeben wurde, folgte eine Beschäftigung mit der Frage, wieso eine Fokussierung auf den Rechtspopulismus sinnvoll ist. Von besonderem Interesse ist hierbei die Tatsache, dass nur das Fehlen einer konsequenten Ideologie den Rechtspopulismus vom Rechtsextremismus trennt, und dass sich auch »populistisches Fischen von Links« verzeichnen lässt. Wir sollten immer dann misstrauisch werden, wenn eine glorifizierte Nähe zum »einfachen Volk« zutage tritt.
  • Unter der Überschrift »Was ist Populismus?« befasste sich Herr Prof. Pohl mit dessen gesellschaftlichen Entstehungshintergründen und Ursachen, seinem Selbstverständnis und seiner Ideologie sowie dem Auftreten und der Organisation. Obgleich der Rechtspopulismus über kein geschlossenes ideologisches Weltbild verfügt, lassen sich doch gewisse Charakteristika ausmachen. Kern der rechtspopulistischen Argumentation ist die Gegenüberstellung von »einfachem Volk«, das als rein und moralisch unverdorben dargestellt wird, und »unmoralischen Eliten«. Hintergrund der Entstehung dieser Strömungen ist eine angebliche Krise des demokratischen Systems, wobei die Kritik an der EU im Zentrum steht. Ein verklärender Nationenbezug schürt Überfremdungsängste und erzeugt eine Abgrenzungs- und Verfolgungsideologie. Die Rhetorik des Rechtspopulismus zeichnet sich durch immer wiederkehrende Stilmittel aus, wie beispielsweise das Argument des »gesunden Menschenverstands«, Lügen oder Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien und Denken in Feindbildern oder auch Emotionalisierung und Angstmache.
  • Abschließend beschäftigte sich der Vortrag aus sozialpsychologischer Perspektive mit der Frage, wie Populismus genau wirkt, wie also ein psychologisches System erzeugt wird, das letztlich »die Menschen dazu bringt, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln.« Die Massenpsychologie erklärt dieses Phänomen mit der Verwandlung von Individuen in eine Masse, gekennzeichnet durch eine Kombination von Liebe zur Eigengruppe und Hass gegen eine Fremdgruppe – ein Hass, der zunehmend in den Vordergrund rückt, wenn eine bindungsstiftende Führerfigur fehlt. Dieser durch künstliche Bindungen hergestellte »Bund der Gleichen« dient letztlich dazu, eine Art »kollektiven Narzissmus« zu befriedigen und gründet »Harmonie« auf Gewalt. »Diese Art der Massenbindung macht die Menschen hemmungslos.«, so Prof. Pohl. 

Bemerkenswert ist, dass der Populismus nicht, wie gemeinhin konstatiert, inzwischen »in der Mitte der Gesellschaft angekommen«, sondern im Gegenteil aus ihr heraus entstanden ist.

Nach dem Vortrag wurde intensiv diskutiert, etwa über die Frage, wie man dem Populismus begegnen bzw. mit ihm und seinen Anhängern umgehen kann, wieso gerade Männer anfällig für populistisches Gedankengut zu sein scheinen, welche Rolle die Bildung spielt und welche besondere Verantwortung in diesem Zusammenhang die Medien tragen. Es lassen sich vier Ansatzpunkte ausmachen, an denen Rechtspopulismus begegnet werden kann: Jede_r sollte die eigenen Bilder regelmäßig überprüfen, zudem spielt die politische Bildung eine zentrale Rolle, ebenso die Medien. Und schließlich ist auch der Umgang mit Wahrnehmungsmustern und Affekten von großer Bedeutung –  »Es gibt noch viel zu tun.«

(Tina Krohn)