Solidarische Bildung weitergedacht. Migrationspädagogische Überlegungen

Prof. Dr. Paul Mecheril (Center for Migration, Education and Cultural Studies, Universität Oldenburg)

Migrationspädagogik interessiert sich nicht für Migrant_innen.
Mecheril im Vortrag

Prof. Dr. Paul Mecheril, Direktor des Center for Migration, Education and Cultural Studies und Professor am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, stellte am 11.01.2018 in einem dialogisch gestalteten Beitrag unter der Überschrift »Solidarische Bildung weitergedacht« migrationspädagogische Überlegungen an.

Einleitend setzte sich Herr Prof. Dr. Mecheril mit aktuellen politischen Entwicklungen, wie etwa der Debatte um den Familiennachzug, der Intensivierung rechter Positionen und dem mangelnden Interesse an der Auseinandersetzung mit der Problematik auseinander. Von besonderer pädagogischer Wichtigkeit sei in diesem Zusammenhang eine »Herzensbildung in der Migrationsgesellschaft«.

Im Zentrum des Blickes der meisten Perspektiven auf die Migrationsgesellschaft stehen die Migrant_innen und die Frage, wie diese an die Mehrheitsgesellschaft angeglichen werden können. Die Migrationspädagogik versteht sich demgegenüber als Perspektive abseits des Mainstreams. Sie interessiert sich insbesondere für gesellschaftliche Ordnungen, in denen Gruppen hergestellt werden, und die daraus resultierenden Konsequenzen sowie den Anteil der Pädagogik an diesen Phänomenen.

Wie wird nun im Rahmen der Migrationspädagogik der Begriff »Migration« verstanden? Dieser geht an die Fundamente der gesellschaftlichen Realität, denn letztlich geht es um die Frage, welche Ordnung die legitime Ordnung ist. Derlei Fragen sind stark affektbehaftet, da Menschen dazu neigen, an den altbekannten Ordnungen zu »kleben«. Migration kann man in diesem Zusammenhang als spezifische Form von Mobilität verstehen, indem sie – in bedeutsamer Art und Weise – bedeutsame Grenzen überschreitet. Zu bedenken ist hierbei, dass Grenzen keine natürlichen Phänomene sind, sondern in den Köpfen der Menschen hergestellt werden. Diese Grenzüberschreitungen nehmen aktuell immer mehr zu, ebenso wie eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Thema.

Man kann aus drei Gründen konstatieren, dass wir uns derzeit in einem »Zeitalter der Migration« befinden: 
1. Die globale Situation ist stärker denn je von Ungleichheit geprägt, wobei der stärkste Prädiktor für soziale Ungleichheit die geopolitische Position ist. Eine Kombination aus diesen Ungleichheiten und der Tatsache, dass über Migration berichtet wird, führt zu einer weltweiten Zunahme von Migrationsbewegungen. 
2. »Die Welt ist geschrumpft« – auch in den Köpfen der Menschen: Fortschritte in den Transport- und Kommunikationstechnologien sorgen dafür, dass neue, häufig transnationale, Sozialräume entstehen. Reisen wird massiv vereinfacht, dazu kommen vollständigere Bilder von der Welt in den Köpfen der Menschen. So wird Migration für viele Menschen zu einer konkreten Option.
3. Migration drückt die Programmatik der westlichen Moderne aus, nämlich den »Anspruch Einzelner, im Hinblick auf bedeutsame Dinge, die sie selbst betreffen, mitzureden«. Dieser Anspruch auf ein umfassendes Selbstbestimmungsrecht artikuliert sich in transnationaler Migration.

Die transnationale Migration regt in verschiedenen Bereichen Problematisierungen an: 
1. Es stellt sich die Frage nach dem politischen Raum. Wo befindet sich dieser und wer gehört zu ihm? Und was ist politische Subjektivität? Der politische Raum ist nicht länger zwangsläufig an Nationalstaatlichkeit geknüpft – aber wer darf über die Verhältnisse bestimmen?
2. Dort wo etablierte Normalitätserwartungen durchbrochen werden, stehen die Routinen der Institutionen zur Disposition.
3. Die transnationale Migration irritiert und problematisiert auch individuelle Privilegien und Anspruchshaltungen. So gerät etwa das »europäische Selbstverständnis, zivilisatorisch führend zu sein« in die Krise.

Ein weiteres zentrales Thema des Vortrags war die Solidarität: Traditionell ist hierrunter weder Barmherzigkeit noch ein rechtlicher Anspruch zu verstehen, sondern vielmehr eine freiwillige Zuwendung »jenseits des Einforderbaren«, charakterisiert durch zwei Kennzeichen: 1. Die Notlage des Gegenübers stellt sich zwar als partielle – unverschuldete – Autonomieschwäche dar, prinzipiell ist die Person aber weiterhin autonom. 2. Der Begriff findet häufig im Gefüge von Gemeinschaften Verwendung und setzt eine bestimmte Vorstellung von »wir« voraus. Unter Bedingung des »Age of Migration« gerät dieser traditionelle Begriff nun schnell an seine Grenzen, was funktional einen neuen Begriff von Solidarität notwendig macht: »Um Solidarität zu stärken, müsste sie als Solidarität unter Fremden anerkannt werden.« Sie müsste dann nicht mehr über den Bezug zu einer engen Form von Gemeinschaftlichkeit hergestellt werden, sondern wäre universalisierbar definiert über das Kriterium des Leides der Anderen.

Aus diesen Überlegungen leitete Herr Prof. Dr. Mecheril abschließend die zentrale Bildungsaufgabe her: Die Ausbildung eines Sensoriums für das Leiden Anderer, für Grausamkeit und Nicht-Grausamkeit. Und genau dieser Anspruch unterscheidet die Migrationspädagogik grundlegend von vielen auf Migrant_innen bezogenen pädagogischen Praktiken. Eine zentrale Grenze gibt es hierbei jedoch: Die Gleichgültigkeit gegenüber den Anderen ist funktional für das weltweite zentrale Regime: den Kapitalismus. Aus dieser Problematik lassen sich drei Konsequenzen für die Pädagogik ableiten: Erstens sollte sich jede Pädagogik reflexiv zu ihrer Komplizenschaft zum Kapitalismus verhalten, zweitens sollte Pädagogik nicht größenwahnsinnig werden und drittens ist es dennoch hoch sinnvoll, für eine solche Bildungsidee einzutreten.

(Tina Krohn)