Mehrsprachigkeit als Hindernis? Mehrsprachigkeit als Ressource! Mythen vs. Fakten zum Thema »Sprache und Migration«

Prof. Dr. John Peterson (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

»Mehrsprachigkeit ist in den Klassenzimmern – ob wir das wollen oder nicht«
Peterson im Vortrag

Am 10.01.2018 startete die Vortragsreihe »mittwochs um vier« mit einem Beitrag von Prof. Dr. John Peterson von der Universität Kiel ins neue Jahr. Unter dem Titel »Mehrsprachigkeit als Hindernis? Mehrsprachigkeit als Ressource!« beschäftigte er sich mit Mythen und Fakten zum Thema »Sprache und Migration«.

  • Zunächst behandelte der Vortrag unter der Überschrift »Mythen vs. Fakten« die sogenannte »doppelte Halbsprachigkeit« und machte deutlich, wieso es sich bei dieser nur um einen Mythos handelt. So ist die Annahme, das Gehirn sei eine Art Behälter mit limitierter Kapazität, und der parallele Erwerb mehrerer Sprachen ginge auf Kosten des Sprachniveaus der Einzelsprachen, wissenschaftlich nicht haltbar. Vermeintliche allgemeinsprachliche Defizite sind vielmehr auf Nichtkenntnis des öffentlichen Registers und der damit in engem Zusammenhang stehenden Konventionen der Schriftsprache zurückzuführen. Das bei Mehrsprachigen oft beobachtete Codeswitching, also das Vermischen von mehreren Einzelsprachen in der gesprochenen Sprache, ist zudem durchaus kein auf sprachlicher Verwirrung beruhendes Kauderwelsch, wie gern angenommen, sondern kann komplexe Strukturen aufweisen und ist im Gegenteil ein Indikator für eine gute Beherrschung der beteiligten Sprachen. 
  • Auch die Annahme, es gäbe Sprachen ohne Grammatik, ist nicht haltbar – aber nachvollziehbar: Ohne Unterricht in einer Sprache entsteht auch kein metasprachliches Verständnis ihrer Strukturen. So ist es nicht verwunderlich, wenn türkischstämmige Kinder angeben, Türkisch habe keine Grammatik, »es klingt einfach besser so«, denn grammatisches Wissen ist meist unbewusst und muss im Unterricht bewusst geübt werden.
  • Der zweite Teil des Vortrags beschäftigte sich mit der Frage, wie Mehrsprachigkeit als Ressource nutzbar gemacht werden kann. In diesem Zusammenhang befasste sich Herr Prof. Peterson mit den Unterschieden zwischen gesprochener und geschriebener Sprache und berichtete von eigenen Lehrerfahrungen mit mehrsprachigen jungen Erwachsenen. Von grundlegender Wichtigkeit ist demnach, anzuerkennen, was die Schülerinnen und Schüler bereits können, und darauf aufzubauen. Hauptziele des didaktischen Ansatzes sind eine bewusste Selbstbeobachtung und Beobachtung Anderer sowie die Analyse und Besprechung konkreter Beispiele aus der Lebenswelt der Jugendlichen. Aufbauend auf dem topologischen Modell der deutschen Sprache werden so in der Diskussion die besonderen Charakteristika der Schriftsprache entwickelt und die Schülerinnen und Schüler für das formelle Register sensibilisiert.

Verständnis seitens der Lehrkräfte für die besondere Situation Mehrsprachiger, so das Fazit des Vortrags, und ein gezielt auf der Mehrsprachigkeit aufbauender Unterricht können also die Selbstachtung gerade der mehrsprachigen Schülerinnen und Schüler fördern. Der Unterricht weckt zudem sowohl das Interesse der Teilnehmenden mit Deutsch als Zweitsprache, da diese jetzt als Expert_innen in Erscheinung treten können, als auch das der einsprachigen Schülerinnen und Schüler.

Die Zeit nach dem Vortrag wurde für Nachfragen und weiterführende Diskussionen genutzt. Es ging diesmal unter anderem um Bildungssprache und um die Problematik, dass mangelnde Sprachkompetenz gern fälschlicherweise auf Mehrsprachigkeit zurückgeführt wird, auch wenn eigentlich andere Gründe vorliegen. Zudem wurde diskutiert, ob es »doppelte Halbsprachigkeit« nicht vielleicht doch geben kann, wenn einem Menschen in einer Situation in beiden Sprachen die Worte fehlen. In solchen Fällen sind aber nicht die zwei Sprachen an sich das Problem, sondern ein Reizmangel in der Erlebniswelt, also dass Situationen, in denen das entsprechende Vokabular hätte erworben werden können, bislang nicht erfahren wurden. »Mehrsprachigkeit«, so Herr Prof. Peterson abschließend, »ist das Natürlichste der Welt und bringt kognitive Vorteile.«

(Tina Krohn)