Sprachwandelnde: Überlegungen zur sogenannten Migrationsliteratur

Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

Verflüssigung der Sprachgrenzen

Thema des letzten Vortrags des Jahres 2017 war die sogenannte Migrationsliteratur, mit der sich Prof. Dr. Eva-Maria Thüne, Professorin für Deutsche Sprache und Sprachwissenschaft von der Universität Bologna, Italien, am 20.12.2017 unter dem Titel »Sprachwandelnde« auseinandersetzte.

  • Frau Prof. Dr. Thüne befasste sich in ihrem Vortrag näher mit der Geschichte der Literatur von mehrsprachigen Autor_innen, ihren typischen Themen und charakteristischen sprachlichen Strukturen und Stilmitteln, was sie mithilfe vieler Textbeispiele illustrierte, die im Plenum angeregt diskutiert und interpretiert wurden.
  • Bei mehrsprachigen Autor_innen lassen sich, aus deutscher Perspektive, zwei verschiedene Zugänge unterscheiden – beiden gemein ist der thematische Schwerpunkt des Raumes: Während sich die Exilliteratur mit einem Raum befasst, der verlassen werden muss, geht es der sogenannten Migrationsliteratur um den Raum, in dem man ankommt. Die Ausgangspunkte des Erzählens hängen natürlich direkt mit der Migration zusammen. So geht es etwa um Flucht und Exil, Mehrsprachigkeit oder auch (post)koloniale Herrschaftsmechanismen. Die Herkunftssprache schwingt in den Texten mehrsprachiger Autor_innen stets mit. In vielen Texten findet sich eine, von einer faszinierenden Sensibilität für Sprache gekennzeichnete, Auseinandersetzung mit der Lebenswelt, der Sprachgeschichte und den gesellschaftlichen Zusammenhängen.
  • Die Migrationsliteratur ist in der Lage, sich »dem Korsett der Nationalliteraturen« zu entziehen. Die so entstehende »translinguale« Literatur kann als eine Grundlage eines gelingenden Multikulturalismus angesehen werden. Gekennzeichnet ist sie beispielsweise durch spezielle Sprachspiele, Metaphern und das Spiel mit der Identität. Besonders bedeutsam sind zudem Bilder für das körperliche Erleben von Sprache sowie die Verbindung von Sprache mit gesellschaftlichen Hierarchien und Macht. Schließlich spielen auch autobiographische Elemente oft eine wichtige Rolle, wobei zu betonen ist, dass die von Lesenden häufig angenommene Deckungsgleichheit von Autor_in und Erzähler_in und die damit unterstellte Authentizität manchmal nur eine scheinbare ist.
  • Ein letzter zentraler Punkt ist der Zusammenhang von Sprache und Identität: So kann die Sprache Teil-Identitäten zeigen, Differenz markieren und als Unterscheidungsmerkmal verwendet werden. Wirklich »auf die Spur kommen« könnte man mehrsprachigen Autor_innen demnach auch nur, so Frau Prof. Dr. Thüne abschließend, wenn man ihre Ursprungssprachen beherrschte und mit deren kulturellen Hintergründen vertraut wäre.

(Tina Krohn)