Metaphern in der Migration: Analyse narrativer Interviews mit deutschsprachigen Emigrant_innen aus Nazi-Deutschland

Prof. Dr. Simona Leonardi (Universität Neapel)

»…aber deutsche Sprache ist mein persönliches Eigentum, die kein Hitler mir wegnehmen konnte…«
Interviewaussage

Unter dem Titel »Metaphern in der Migration« beschloss Prof. Dr. Simona Leonardi, Professorin für Germanische Philologie von der Universität Federico II, Neapel, die Vortragsreihe für das Wintersemester 2017/2018 am 24.01.2018 mit einer Analyse narrativer Interviews mit deutschsprachigen Emigrant_innen aus Nazi-Deutschland.

  • Der Vortrag begann mit einer Vorstellung der Forschungsgrundlage: Im »Israel Korpus« finden sich narrative Interviews mit jüdischen Migrant_innen aus deutschsprachigen Gebieten, die primär in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs ins damalige Palästina ausgewandert waren. 
  • Der Metaphernanalyse liegt die kognitionslinguistische Definition von Metaphern als »understanding and experiencing one kind of things in terms of another« zugrunde. Nach diesem Verständnis werden Metaphern als Träger kognitiver und emotionaler Strukturen aufgefasst, die für unsere Sprache und auch unser Denken von zentraler Bedeutung sind und eine »Versprachlichung körperlicher Grunderfahrungen« darstellen.
  • Im Verlauf des Vortrags stellte Frau Prof. Dr. Leonardi eine Vielzahl von Analysebeispielen vor, anhand derer sie spezifische – durchaus nicht immer bewusst verwendete – narrative Strategien identifizierte: Eine enge Abfolge mehrerer metaphorischer Ausdrücke aus verschiedenen Ursprungsbereichen etwa nennt sich »Metapherncluster« und dient der Verstärkung einer Aussage. Bei Wiederaufnahme einer metaphorischen Bildung sprechen wir auch von einem »Metaphern-Echo«. Die so entstehende Textbewegung trägt zur Kohärenz bei; es können auch mehrere Bildbereiche kombiniert werden. Wiederaufnahme und Variation in Kombination führen wiederum zu einer Intensivierung.
  • Im Rahmen der Analyse wurden Metaphern besprochen, die in den Interviews eine besondere Rolle spielen: Eine häufige Metapher etwa, die noch dazu auf eine lange literarische Tradition zurückblicken kann, ist die der »Wurzeln«, mit deren Hilfe etwa Themen von Zugehörigkeit und Heimatlosigkeit bearbeitet werden. Hier zeigt sich auch die oft transkulturelle Prägung von Metaphern, denn Wurzelmetaphorik findet sich in vielen Sprachen und Gegenden der Erde. Häufig kommt auch die für unser konzeptuelles System zentrale »Behälter«-Metapher vor: Ein Behälter besteht aus einem Innen- und einem Außenraum sowie einer klaren Grenze zwischen diesen. Auf dieser Grundlage kann das Behälter-Bild zur näheren Beschreibung einer Vielzahl von Dingen verwendet werden, von Flächen und Räumen bis hin zu abstrakten Konzepten wie dem Leben: So impliziert der Begriff »Erfüllung« in Zusammenhang mit dem Leben etwa das Konzept Das Leben ist ein Behälter, wobei das Bild des »vollen Behälters«, wie etwa in den Begriffen Fülle, Erfüllung und Reichtum, positiv besetzt ist.

In narrativen Interviews wird also die Lebensgeschichte als Prozess der Identitätsentwicklung erzählt. Im Rahmen des Interviews entsteht aus interaktiven Prozessen eine Art »narrative Identität« – und bei deren Konstruktion spielen metaphorische Formulierungen eine wichtige Rolle.

Die Zeit nach dem Vortrag wurde für Nachfragen und weitergehende Diskussionen genutzt, etwa zum metaphorischen Ausdruck von Widersprüchen in der eigenen Lebensgeschichte, dem emotionalen Verhältnis zur deutschen Sprache und der spannenden Thematik der »Mehrsprachigkeit im Deutschen«, da viele jüdische Migrant_innen sich das Deutsch der 20er Jahre erhalten haben.

(Tina Krohn)