Community Interpreting in Deutschland: eine Lehre aus der Gastarbeiter_innenmigration

Dr. Marta Estévez Grossi (Romanisches Seminar)

Sprachmittlung als Integrationshilfe

Am 13.12.2017 befasste sich Frau Dr. Marta Estévez Grossi vom Romanischen Seminar anhand des Beispiels der galicischen Arbeitsmigrant_innen in Hannover mit Geschichte, Theorie und Praxis von Sprachmittlung in Deutschland.

  • Zunächst gab Frau Dr. Estévez Grossi den Anwesenden eine theoretische Einführung ins Thema. Community Interpreting ist das Dolmetschen im sozialen Bereich, insbesondere im Gesundheits- und Rechtswesen sowie bei sonstigen Behörden wie der Ausländerbehörde und anderen Institutionen wie etwa Schulen. Im Vortrag stand hierbei die soziale Komponente im Fokus, nämlich die Tatsache, dass Migrant_innen ohne Sprachkenntnisse ihre sozialen Rechte und Pflichten nicht wahrnehmen können, was Sprachmittlung notwendig macht. Dolmetschen zeichnet sich durch eine Kommunikation in Dialogform aus, zwischen den Teilnehmenden am Gespräch herrscht ein asymmetrisches Machtgefälle und die Kommunikation findet meist in Not- und Krisensituationen statt, was eine besondere Belastung für alle Beteiligten darstellt. Im internationalen Vergleich lassen sich grob vier Ansätze unterscheiden, wie dem Bedarf nach Sprachmittlung begegnet wird: Von Ablehnung, über informelle Ad-hoc-Lösungen und allgemeine Sprachdienste, beispielsweise durch staatliche Stellen oder NGOs organisiert, bis hin zu umfassenden Sprachdiensten, staatlich organisiert, mit ausgebildeten und akkreditierten Dolmetscher_innen. In vielen Ländern wird zudem ein legalistischer Ansatz verfolgt, d.h. vor Gericht muss Sprachmittlung gewährleistet sein. In Deutschland finden wir einen legalistischen Ad-hoc-Ansatz.
  • Anschließend thematisierte der Vortrag die Geschichte der spanischen Gastarbeiter_innenmigration in der Bundesrepublik. Sowohl von Seiten der BRD und der spanischen Regierung als auch aus der Sicht der Migrant_innen war die Migration als vorübergehendes Phänomen konzeptualisiert und durch eine starke Rückkehrorientierung gekennzeichnet. Sodann ging die Vortragende näher auf ihre eigene Forschung ein, in deren Rahmen sie auf Grundlage von Community Interpreting und Migrationslinguistik den Bedarf nach und die Umsetzung von Sprachmittlungsdiensten in der Gemeinschaft galicischer Arbeitsmigrant_innen in Hannover untersuchte. Darauf aufbauend stellte Frau Dr. Estévez Grossi die Maßnahmen zur Sprachmittlung seitens der BRD und seitens Spaniens und das Verhältnis der Migrant_innen diesen gegenüber näher vor.
  • Schließlich stellte sich natürlich die Frage, was sich in den 60 Jahren seit Beginn der Arbeitsmigration aus Spanien in diesem Bereich getan hat. Um dies zu beantworten, wurde näher auf die aktuelle rechtliche Lage von Migrant_innen eingegangen. So besteht ein allgemeiner Anspruch auf Dolmetschdienstleistungen etwa in gerichtlichen Verfahren, Ermittlungsverfahren, im Asylverfahren und im gesundheitlichen Bereich. Leider klaffen hier Theorie und Praxis aber oft noch weit auseinander: »Anspruch heißt nicht gleich Zugang.«, so Frau Dr. Estévez Grossi abschließend.

Als Fazit lässt sich also festhalten, dass wir heute zwar noch ähnliche Muster vorfinden wie vor 60 Jahren, aber sich auch Bemühungen von öffentlicher Seite verzeichnen lassen, es besser zu machen, indem der Anspruch auf Dolmetschdienstleistungen in verschiedenen Kontexten anerkannt wird. Die Organisation verfolgt allerdings weiterhin einen legalistischen Ad-hoc-Ansatz und es fehlt eine staatliche Strategie für die Professionalisierung und Qualitätssicherung.

In der angeregten Diskussion nach dem Vortrag ging es unter anderem um die Probleme von Sprachmittlung im medizinischen Bereich – bezogen etwa auf mangelnde (Fach-)Sprachkompetenz, Schweigepflicht oder das Ausgeliefertsein Fremden gegenüber – , die Angst seitens der Politik vor einer negativen Reaktion der Bevölkerung, wenn man den Sprachmittlungsbedarf eingesteht – obwohl diese doch sehr wichtig für gelungene Integration wäre, da sie der Entstehung von Parallelstrukturen vorbeugen würde –  und die massive Unterschätzung von »Sprachberufen« wie etwa Dolmetscher_innen oder Sprachlehrkräften im Alltag. Auch berichteten Teilnehmende von eigenen Übersetzungserfahrungen, wobei deutlich wurde, wie wichtig das Wissen um den Kontext und eventuell beteiligte Fachsprachen ist, um adäquat sprachmittlerisch tätig zu sein. Eine besondere Herausforderung stellt zudem das Übersetzen mittels »Umweg« über eine dritte Sprache dar.

(Tina Krohn)