Kritische, historische und pädagogische Annäherungen

Im Wintersemester 2017/18 waren Vortragende aus universitären Institutionen der Leibniz Universität Hannover, aus anderen Universitäten der Bundesrepublik sowie von internationalen Universitäten eingeladen. 

RÜCKBLICK

Poster Winter 2017
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In ihrer vierten Auflage konnte die Vortragsreihe »mittwochs um vier« eine Reihe an Themen fortsetzen, dazu neue anbieten und damit für eine abwechslungsreiche und informative Veranstaltungsreihe sorgen. Hierbei geht es um drei größere Themenfelder Sprache, Migration und Vielfalt und die daraus entstehenden Schnittmengen, die wir immer neu zusammensetzen. Mit einer kritischen, historischen bzw. pädagogischen Auseinandersetzung wollen wir verschiedene Interessen bedienen. 

Aus anderen niedersächsischen Universitäten wie Osnabrück und Oldenburg sowie aus den Universitäten Münster, Kiel und Erlangen-Nürnberg konnten wir Vortragende gewinnen; aus Bologna und Neapel durften wir ebenfalls Impulse erhalten. Die inneruniversitäre Vernetzung ließ sich mit dem Deutschen sowie Romanischen Seminar, den Instituten für Philosophie sowie Soziologie und der AG Politische Psychologie neu etablieren bzw. erfolgreich weiterführen.

Die Themenpalette Erwerb, Erhalt und Vermittlung von Sprachen sowie Dolmetschen, Schrifterwerb und literarischer Ausdruck in der Zweitsprache verlieh unserem Hauptfokus Sprache eine breite Auffächerung. Themen wie Bildsprache, Mehrsprachigkeit, Bewegung und Sprache sowie Menschenrechte, Migrationspädagogik, Sozialpsychologie und soziale Gedächtnisse im Bezug auf Migration erweiterten den Blick für gesellschaftliche Zusammenhänge und boten diskriminierungsbewusste Perspektiven an.

Auf dieser Seite finden Sie die Abstracts und auf weitere Seiten die Resümees einzelner Vorträge. Mehrere Beiträge der Vortragsreihe befinden sich im 2019 erschienenen Sammelband »Sprache, Flucht, Migration«.

Resümees

25.10.2017

Vererbtes Engagement
Radhika Natarajan (Projekt LeibnizWerkstatt)

Der Vortrag geht auf drei Arten von Teilhabe ein: Die Teilhabe an Bildung zielt antizipatorisch auf sozialen Aufstieg. Teilhabe an der körperlichen wie seelischen Unversehrtheit stellt in der hiesigen Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit dar, für Entflohene ist sie jedoch ein besonders hohes Gut. Zum letzten wird eine mehrfache Teilhabe aufgezeigt, die sich ausdrücklich politisch gestaltet, Grenzen übergreifend geschieht und sich dabei der medialen wie mehrsprachigen Ressourcen bedient. Im Laufe des Flüchtlingsdaseins werden diese Beschäftigungen auch intergenerational tradiert und weitergegeben.

01.11.2017

Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache
Dr. Alexis Feldmeier García (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)

Im Vortrag werden grundlegende Überlegungen zur Förderung schriftsprachlicher Kompetenzen neu zugewanderter Lernender besprochen. Es wird auf die Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen eingegangen. Ein kurzer Einblick in methodische Zugänge zur Schrift wird gegeben und anhand von Lehrwerksbeispielen veranschaulicht.

08.11.2017

Theater für Gehörlose und Hörende
Dr. Rafael Ugarte Chacón (Institut für Philosophie)

Wie gestaltet man ein Theater, das die körperlichen und kulturellen Unterschiede zwischen Gehörlosen und Hörenden berücksichtigt? Wie wird dabei mit Verständigungsschwierigkeiten umgegangen? Und welche Machtgefälle und Diskriminierungsstrukturen bestehen? Anhand mehrerer Beispiele werden Grenzen und Potentiale interkultureller Aufführungen für Gehörlose und Hörende mit und ohne Migrationshintergrund diskutiert.

15.11.2017

Zur Sozialpsychologie des aktuellen Rechtspopulismus 
Prof. Dr. Rolf Pohl (Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie)

Populismus entsteht nicht aus dem Nichts, sondern immer im Gefolge ökonomischer Krisen, gesellschaftlicher Umbrüche und von Krisen der repräsentativen Demokratie. Er ist als Massenbewegung von der denunziatorischen Ablehnung von Eliten und Institutionen, einem Anti-Intellektualismus, von verschwörungstheoretischem Denken sowie einer aggressiven Polarisierung und Personalisierung geprägt, die sich vor allem auf den »gesunden Menschenverstand« beruft. Damit geht eine starre Betonung des Gegensatzes von einfachem, »reinem« Volk und »korrupter« Elite einher. Wie entstehen solche ressentimentgeleiteten Massenbewegungen, was macht Menschen immer wieder anfällig für populistische Rhetorik und welche Rolle spielt dabei eine gezielte Propaganda?

22.11.2017

Die Bedeutung sprachsensiblen Unterrichts 
Dr. Christine Bickes (Deutsches Seminar)

Ergebnisse aus internationalen Schulleistungsstudien wie PISA deuten darauf hin, dass Schüler_innen mit Zuwanderungsgeschichte und/oder aus bildungsfernen Familien im deutschen Schulsystem be nach teiligt sind. Ein wichtiger Grund dafür scheint zu sein, dass sie in geringerem Maß über das in der Schule geforderte Register der Fach- und Bildungssprache verfügen. Will man Schüler_innen bei dessen Erwerb unterstützen, empfiehlt es sich, das Thema Sprachförderung nicht allein Sache des Sprachunterrichts sein zu lassen. Vielmehr sollten in allen Fächern grundsätzlich sowohl die fachlichen als auch die sprachlichen Anforderungen berück sichtigt werden.

29.11.2017

Migration und Gedächtnis
PD Dr. Gerd Sebald (Universität Erlangen-Nürnberg)

Einer der klassischen Texte der Migrationssoziologie ist »Der Fremde« von Alfred Schütz. Schütz ist selbst 1938/39 mit seiner Familie in die USA emigriert und analysiert in dem Text die Erfahrung eines Neuankömmlings. In dem Vortrag wird Herr Dr. Gerd Sebald anhand dieses Textes Gedächtnisleistungen und -formen im Migrationsprozess herausarbeiten und auf einige Lücken in Schütz' Analyse hinweisen, die anhand aktueller Studien gefüllt werden sollen.

05.12.2017

Literatur und die Erfindung der Menschenrechte
Prof. Dr. Peter Schneck (Universität Osnabrück)

Die Vorstellung, dass alle Menschen die gleichen grundlegenden und natürlichen Rechte haben, ist weit verbreitet, doch selbstverständlich ist sie deshalb keineswegs. Woher aber kommt dann diese Vorstellung und, noch mehr, das Wissen um tatsächlich existierende rechtliche Bedingungen und Möglichkeiten, diese Rechte einzufordern und wahrzunehmen? Die Geschichte und die Gegenwart der Menschenrechte ist ohne die Herausbildung eines individuellen und kollektiven Rechtsbewusstseins nicht vorstellbar - und an dieser Form Menschenrechtsbildung kann Literatur ein besonderer Anteil zugesprochen werden.

13.12.2017

Gastarbeiter_innenmigration
Dr. (des.) Marta Estévez Grossi (Romanisches Seminar)

In diesem Vortrag möchte Frau Grossi auf die sprachliche Situation der Gastarbeiter_innen in der BRD, mit besonderer Berücksichtigung ihres Sprachmittlungsbedarfs, eingehen. Dafür wird exemplarisch die galicische Arbeitsmigration in der Stadt Hannover aus sprachwissenschaftlicher Sicht vorgestellt und ihre sprachmittlerischen Praktiken anhand eines dolmetschwissenschaftlichen Ansatzes erläutert. Obwohl die BRD sich nicht an der Organisation von Sprachmittlungsdiensten beteiligte, wurde dieser Bedarf sowohl von den Migrant_innen selbst als auch von einer Reihe von spanischen Institutionen gedeckt. Diese mit der expliziten Unterstützung des spanischen Regimes Francos agierenden Institutionen sollten allerdings nicht nur die Migrant_ innen unterstützen, sondern sie auch ideologisch beeinflussen und überwachen.

20.12.2017

Überlegungen zur sog. Migrationsliteratur 
Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

Die stete Zunahme von Texten mehrsprachiger Autor_innen gehört zu den innovativen Tendenzen der deutschen Gegenwartsliteratur. Hierfür hat sich der Begriff Migrationsliteratur eingebürgert. Zur Problematik des Begriffs gehört, dass er sich vor allem auf die erste Generation von Migrant_innen bezieht und ein Ankommen von außen meint. Das trifft für spätere Generationen nicht mehr zu. Autor_innen verschiedener Generationen machen sprachlich-kulturelle Divergenzen und Kontraste produktiv, wobei das Dynamische und Prozesshafte von Sprachgebrauch und -reflexion an verschiedenen Texten mit unterschiedlichen sprachlichen Verfahren gezeigt wird. Thematisch geht es unter anderem um translokale Biographien, Mehrsprachigkeit und neue Perspektivierungen.

10.01.2018

Mythen der Mehrsprachigkeit
Prof. Dr. John Peterson (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

Um kaum ein anderes Thema ranken sich so viele Mythen wie um die Mehrsprachigkeit, d.h. um das Beherrschen zweier oder mehrerer Sprachen. Da aber das Thema Sprache und Migration – und damit auch Mehrsprachigkeit – inzwischen eine zentrale Rolle in der Diskussion um die Integration hier lebender Menschen mit Migrationshintergrund spielt, ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihm zwingend notwendig geworden: Unser Verständnis der Mehrsprachigkeit bildet die Basis für alle bildungspolitischen Entscheidungen zu diesem Thema, Entscheidungen, die oft weitreichende Folgen haben.

11.01.2018

Solidarische Bildung weitergedacht
Prof. Dr. Paul Mecheril (CMC, Universität Oldenburg)

»Migration« ist ein grundlegendes Kennzeichen der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die mit Migrationsphänomenen einhergehenden Wandlungsprozesse betreffen hierbei nicht allein spezifische gesellschaftliche Bereiche, sondern vielmehr Strukturen und Prozesse der Gesellschaft im Ganzen. Problembeschreibungen sind hierbei charakteristisch für das Verhältnis von Pädagogik und Migration. Der Vortrag skizziert zunächst diese Herausforderung genauer und stellt anschließend den Ansatz der Migrationspädagogik vor. Migrationspädagogik kann als Einladung zu einer Praxis des Denkens, Sprechens und Handelns verstanden werden, die versucht, Dominanzverhältnisse der Migrationsgesellschaft und Bedingungen zu erkennen, die es möglich machen, dass weniger Dominanz erforderlich ist. Die Frage, was es wohl hieße, in der Migrationsgesellschaft gebildet zu sein, steht hier im Mittelpunkt.

17.01.2018

Ethnizität als reale Fiktion
PD Dr. Nina Clara Tiesler (Institut für Soziologie)

Die Wortschöpfung »ethnische Konflikte« kolportiert, dass Ethnizität Gewalt produzieren würde. Spätestens seit der fundierten Analyse des Bosnienkonflikts wissen wir, dass es sich andersherum verhält: Hier produzierte die Erfahrung von Gewalt Ethnizität. Was also ist Ethnizität? In der diskursiven Konstruktion gesellschaftlicher Gruppierungen und Großgruppen werden Herrschaftsverhältnisse und Etablierten-Außenseiter-Konfigurationen sichtbar. Gerade die prominenteste Form von Identitätspolitik, nämlich Ethnizität, organisiert dabei »kulturelle« Unterschiede in Mustern sozialer Ungleichheit. Während die Entstehung und wechselnde Formen von Ethnizität gesellschaftlich konstruiert, situativ und historischen Zufällen unterworfen sind, haben ethnisierende Identitätspolitiken doch eine objektive Wirkungsmacht - und können im Alltagsbewusstsein in Zeiten von Traditionsverlust die Funktion einer Sinnplombe erfüllen.

24.01.2018

Metaphern in der Migration
Prof. Dr. Simona Leonardi (Universität Neapel)

Die Grundlage des Vortrags bilden narrative Interviews mit jüdischen Emigrant_innen aus deutschsprachigen Gebieten Europas, die meistens in den 1930er Jahren nach Palästina auswanderten. Es wird der Frage nachgegangen, wie die mit der Erfahrung der Migration zusammenhängenden Erlebnisse der Bindungen bzw. der Brüche in der eigenen Lebensgeschichte und die damit verbundene Frage nach der Identität häufig durch metaphorische Formulierungen zum Ausdruck gebracht werden. Eine Metaphernanalyse soll dabei helfen, auf verschiedene Facetten der narrativen Identitätskonstruktion zu fokussieren, Facetten, die in den Interviews nicht immer bewusst gesteuert werden. Darüber hinaus soll untersucht werden, inwieweit Metaphern für die Kodierung emotional beladener Äußerungen verwendet werden, d.h. wie sie zum Emotionspotential der Texte beitragen.