Flucht und Migration als Thema der angewandten Sprachwissenschaft. Datenerhebung durch Sprachbiographien

Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna)

»Es gibt keine Identität außerhalb von Sprache.«
Feststellung im Vortrag

Den letzten Vortrag des Jahres 2016 hielt Prof. Dr. Eva-Maria Thüne, Sprachwissenschaftlerin von der Neuphilologischen Fakultät der Universität Bologna. Unter dem Titel »Flucht und Migration als Thema der angewandten Sprachwissenschaft« präsentierte sie den Teilnehmenden Schlaglichter auf die vielgestaltigen Verknüpfungen von Emotion und Sprache, die durch authentische Audio-Aufnahmen illustriert wurden. Zentral war hierbei die Frage, wie Migration unter dem Gesichtspunkt der Sprache empfunden wird.

  • Zunächst erfolgte eine theoretische Einführung in das Thema Sprachbiographien. Bei diesem interdisziplinären Ansatz stehen narrative Interviews im Mittelpunkt, in welchen anhand von Erinnerungen, Emotionen und Einstellungen die symbolische Kraft von Sprache beleuchtet wird. Die Sprache wird hierbei als zentraler Identitätsfaktor verstanden.
  • Anschließend wurden Beispiele aus einem Korpus von Interviews mit deutschsprachigen Menschen jüdischen Glaubens besprochen, die vor dem zweiten Weltkrieg nach Israel ausgewandert waren. Bei all diesen Menschen drückt sich in ihrer Sprache, im Inhalt ihrer Aussagen, aber auch in ihren Metaphern, ein ambivalentes Verhältnis zur deutschen Sprache aus. Die Identität, ein an sich umkämpfter und umstrittener Begriff, ist eng mit der Sprache verknüpft, die sowohl als verletzend als auch als heilsam empfunden werden kann.

(Tina Krohn)

  • Das zweite besprochene Korpus beinhaltet Interviews mit Menschen, die in den 1960er Jahren aus Italien nach Deutschland gekommen waren. Es schlägt sich hier ein Konflikt in der Sprache nieder: Man wünscht sich, die deutsche Sprache perfekt zu beherrschen, um nicht mehr als Migrant_in erkannt zu werden, da man sich durch die Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt fühlt. Gleichzeitig wird die Unmöglichkeit, diese Perfektion zu erreichen, mit Resignation beantwortet.

An allen Beispielen kann man erkennen, wie Gruppenzugehörigkeiten durch Sprache(n) definiert werden und wie die verschiedenen Menschen mit Sprache im Spannungsfeld von Integration und Ausschluss umgehen. Im Anschluss an den äußerst interessanten Vortrag wurde sehr ausgiebig, engagiert und fruchtbar über Mehrsprachigkeit, Dialekte, Bildungssprache und vieles mehr diskutiert. 

(tk)