›Papieridentitäten‹. Zur chinesischen Immigrationsgeschichte in den USA, 1890-1930

Prof. Dr. Ruth Mayer (Englisches Seminar)

»Wie wird man in den USA zum Chinesen gemacht?«
Ausgangsfrage im Vortrag

»Wie wird man in den USA zum Chinesen gemacht?«

Im ersten Vortrag des Jahres 2017 informierte Frau Prof. Dr. Ruth Mayer vom Englischen Seminar die Zuhörenden über ein Thema, das auf den ersten Blick nur relativ wenig mit der aktuellen Situation in Deutschland zu tun hat – bei näherem Hinsehen erweist es sich jedoch als hochgradig aktuell: Die Geschichte der (häufig illegalen) chinesischen Immigration in die Vereinigten Staaten um die Jahre 1890 bis 1930.

  • Der Vortrag beschäftigte sich mit dem Konzept der Identifizierung, einerseits als Selbstbild, andererseits aber auch als polizeiliche Feststellung der Identität über Ausweispapiere, Fingerabdrücke etc. Es wurden Kategorien von Zugehörigkeit und Ausschluss untersucht, anhand von Konzepten wie »domestic« (was sowohl die häusliche Sphäre als auch die Innenpolitik betreffen kann) und Schlüsselmetaphern wie der Nation als Familie, die ein Lagerdenken naturalisieren können.
  • Weiterhin ging Frau Prof. Mayer ausführlich auf die konkreten Geschehnisse in den USA ein, wie die Immigration der chinesischen Einwandernden vonstattenging, welche Probleme es dabei gab und welche Bilder in Amerika vorherrschten. Hierbei wurde deutlich, dass sowohl das Procedere (die Menschen – in erster Linie junge Männer –  zunächst in einem zentralen Lager unterbringen, versuchen, ihre Identität festzustellen und ihre Geschichten anhand von ausführlichen Interviews überprüfen; darauf aufbauend der Wunsch, nicht mehr auf die Sprache zur Überprüfung angewiesen zu sein) als auch die Ängste (Gefahren durch Einwandernde, mangelnde Hygiene, Kontamination durch Krankheiten, abweichende Moralvorstellungen, eine unnatürlich männlich dominierte Gesellschaft) sich heutzutage in Deutschland auf weiten Strecken wiederfinden lassen.
  • Den Vortrag beschloss eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer Kurzgeschichte einer chinesisch stämmigen Autorin, welche die Thematik auf eine andere Weise aufgreift und eine sehr bittere Perspektive auf Identitätsfindung, -zuschreibung und Verlust aufzeigt.

Im Anschluss an den Vortrag war wie immer Zeit für Fragen und Diskussionen, wobei u.a. der Wandel im Bild von asiatischen Einwanderern nach dem Zweiten Weltkrieg und die Relevanz der Thematik für unseren heutigen Kontext thematisiert wurden. Als Fazit lässt sich festhalten, dass die Diskurse aus der Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert (leider) bis heute sehr leicht aktivierbar sind. 

(Tina Krohn)