Das Potenzial künstlerischer Arbeit für Menschen in Migration

Prof. Dr. Christian Widdascheck (Alice-Salomon-Hochschule Berlin)

Vom System verohnmächtigte Menschen situativ ermächtigen
Prof. Dr. Christian Widdascheck im Vortrag

Am 12.06.2019 befasste sich Prof. Dr. Christian Widdascheck, Diplom-Kunsttherapeut und Professor für Ästhetische Bildung an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, mit dem spezifischen Potenzial der begleiteten künstlerischen Arbeit für Menschen in Migration. Er ging hierbei von einer inklusiven Perspektive auf Migration aus und verortete sich vor einem transkulturellen theoretischen Hintergrund. Grundlage des Vortrags war die eigene empirische Forschung, aus welcher der Vortragende im Laufe seines Beitrags viele Beispiele präsentierte.

Die inklusive Perspektive auf Migration beruht in der Hauptsache auf dem anthropologischen Prinzip der Responsivität (= beantwortendes Wirken): Das Subjekt antwortet auf die Welt und erhält seinerseits Antworten von dieser. Dieses wechselseitige Antworten, diese Interdependenz von Selbst- und Welterfahrung, ist für unsere Psyche eine Notwendigkeit, obwohl das Konzept für das abendländische Verständnis von Subjektivität eine Herausforderung darstellt. Eng mit der Responsivität verknüpft ist ein weiter Kulturbegriff, der davon ausgeht, dass Kultur definiert, wie wir leben – nicht mehr und nicht weniger: »Die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen und wie wir uns zur Welt hin ausdrücken.«

Dabei sind die kulturellen Muster stets in Bewegung und in Veränderung begriffen, indem das Selbst und die Welt responsiv aufeinander einwirken. Daraus ergibt sich ein Verständnis vom Leben als (im übertragenen Sinne) kontinuierliche Migrationsbewegung. Es handelt sich bei Herrn Prof. Widdaschecks Perspektive also um ein ganz weites, nicht auf den Ort beschränktes Verständnis von Migration. Migration, als Veränderung des Selbst-Welt-Verhältnisses, wird demnach ausgelöst durch grundsätzliche Veränderungen in den Lebensverhältnissen, die immanente Krisen-, aber auch Entwicklungsmomente darstellen – sei es ein Ortswechsel, die Veränderung des Arbeitsverhältnisses, Elternschaft oder vieles mehr.

Anschließend ging der Vortragende näher auf verschiedene kulturelle Paradigmen ein, wobei er sich vom interkulturellen Paradigma, nach dem Kulturen als strikt getrennt, eindeutig beschreibbar und unveränderlich beschrieben werden, abgrenzte. Leider ist diese Ansicht allerdings in therapeutischen Kontexten nach wie vor sehr prominent (ohne jedoch expliziert zu werden) und so werden sogenannte kulturelle Unterschiede häufig als dominante Problemperspektive missbraucht, obwohl die wahren Probleme der Menschen meist ganz andere Gründe haben. Herr Prof. Widdascheck präferiert demgegenüber das transkulturelle Paradigma, nach dem kulturelle Muster nicht an Orte gebunden und stets veränderlich sind und in direkter Wechselwirkung mit den sozio-ökonomischen Lebensbedingungen stehen, welche weit bedeutsamer sind als der Ort.

Im Anschluss an die theoretischen Grundlagen ging Herr Prof. Widdascheck näher darauf ein, wie der eigene Forschungsprozess seine Perspektive auf Migration beeinflusst und verändert hat. Der verbreitete Migrationsdiskurs sei geprägt von Victimisierungstendenzen, Ungenauigkeiten in den Begrifflichkeiten (»der abenteuerliche Migrationshintergrund«), dem Paradigma der Interkulturalität und einer Konzentration auf Herkunftstraumatisierung – alles Aspekte, deren Fokus lebensweltlich nur wenig Sinn ergibt (die gleichwohl jedoch im therapeutischen Bereich häufig bemüht werden) und der für die betroffenen Menschen nicht hilfreich ist.

Welchen spezifischen Belastungen sind nun »Menschen in Migration« (mit diesem selbst geprägten Begriff meint Herr Prof. Widdascheck Menschen, die einen Ortswechsel vollzogen haben und aufgrund der vorgefundenen aufenthaltsrechtlichen Bedingungen nicht wirklich »ankommen« und sich neu verorten können, die also gleichsam »in der Migration gefangen« bleiben) ausgesetzt? Grundsätzlich bleibt diesen Menschen die Erfahrung der Responsivität häufig verwehrt: Ihre Selbst- und Welterfahrung finden keine angemessenen Antworten oder stehen im Widerstreit miteinander. Daraus resultiert ein unseliges »Leben in limbo«, ein stetiges »in der Luft hängen« und das Gefühl, das eigene Leben nicht unter Kontrolle zu haben. Dabei ist das Problem nicht die Herkunft, sondern die aktuelle Situation, die Aufnahmekultur, welche die Menschen ohnmächtig macht.

Noch schlimmer wird es, wenn der Herkunftskontext als weiterer belastender Faktor hinzukommt und die Störung der Responsivität noch verstärkt. Die Verkettung von Leid (im Herkunftsland), der Hoffnung auf Verbesserung und schließlich der Enttäuschung (im Aufnahmeland) hebt die Belastung aufgrund der »Fallhöhe« auf ein deutlich höheres Niveau (Stichwort: sequenzielle Traumatisierung). So sind Menschen in Migration akkumulativen Belastungen ausgesetzt, die ihr Leid immens verstärken können, oder, wie ein Interviewpartner aus Herrn Prof. Widdaschecks Forschungsarbeit es ausdrückt: »When you run away from the fire and you end up in the fire, there is no need. It is better you stay in the first fire.«

Wie kann nun die Kunsttherapie auf die Not dieser Menschen antworten? Dieser Frage näherte sich der Vortrag anhand vieler praktischer Beispiele an. Die Kunsttherapie gibt Menschen die Möglichkeit einer unmittelbaren Resonanzerfahrung, indem mit den Händen ein Material bearbeitet wird und Veränderungen sofort sichtbar werden. So sieht das Subjekt, wie es auf die Welt einwirken kann. So entsteht eine sinnliche Responsivitätserfahrung. Verstärkt wird die Wirksamkeitserfahrung durch die sogenannte »kunsttherapeutische Triade«: Subjekt und Therapeut_in begegnen einander über das Werk – und wirken wechselseitig aufeinander ein. Zudem hat die Kunsttherapie eine inhaltlich-symbolische Wirkdimension: Indem die Menschen das Material bearbeiten, arbeiten sie gleichzeitig auch an ihren Erlebnissen und ihrem Selbstbild. Die therapeutische Arbeit muss deshalb immer an der aktiven Gestaltbarkeit des Lebens ansetzen, um die Menschen aus der Opferrolle zu befreien.

So wird die Kunsttherapie für Menschen in Migration zum transkulturellen Erfahrungsraum, denn indem sie »ausprobieren was geht«, verändern sie Material und Situation; der Umgang mit den Folgen dieser Veränderungen verändert wiederum die Subjekte. So ermöglicht die Kunsttherapie Bewegung und den Wandel kultureller Muster, denn: »Wenn wir EINE Erfahrung machen entsteht eine Differenz zu anderen Erfahrungen und unsere Gewohnheiten (habits) geraten in Bewegung.«

(Tina Krohn)