Migration und Raumpraktiken: Heimat im Raum des Anderen oder in ›anderen Räumen‹?

Prof. Dr. Meher Bhoot (Universität Mumbai, Indien)

Raum wird ›zu einer Metapher für kulturelle Dynamik‹
Bachmann-Medick 2009: 297

Am 05.06.2019 begrüßte die Vortragsreihe »mittwochs um vier« Prof. Dr. Meher Bhoot, Germanistin von der Universität Mumbai (Indien), die sich mit dem Thema Migration und Raumpraktiken befasste. Anhand des Films »Auf der anderen Seite« von Fatih Akin (2007) thematisierte sie die Zusammenhänge von Raum, »anderen Räumen« und Heimat.

Frau Prof. Bhoot gestaltete ihren Beitrag sehr interaktiv. Zunächst zeigte sie uns Fotos aus dem Film, denen wir assoziativ Emotionen zuordnen sollten. Im Rahmen von Sammlung und Diskussion im Plenum ergab sich, dass es sich bei den gezeigten Bildern um sogenannte »Transiträume« wie z. B. Bahnhöfe und Flughäfen handelte, an denen Raum mit Bewegung verbunden ist. Entsprechend hatten viele der Emotionen mit dem Reisen zu tun, mit abreisen und ankommen, Grenzerfahrungen, Unsicherheit, Einsamkeit, Anonymität, Sehnsucht und vielem mehr.

Im Anschluss an den interaktiven Einstieg stellte die Vortragende kurz Handlung und Figuren des Films vor, um sich dann der Frage zu widmen, wieso es interessant ist, sich in Bezug auf diesen mit dem Thema »Raum« zu beschäftigen. Raum ist eng verknüpft mit Themen wie Migration, Exil, Flucht und Asyl sowie Tourismus, mit denen wir im Alltag laufend konfrontiert sind. So verwundert es nicht, dass Raum zu einem Schlagwort unserer Postmoderne geworden ist (viel mehr als Zeit – man spricht hier auch vom »Spatial Turn«) und auch in der Beschäftigung mit Inter- und Transkulturalität eine wichtige Rolle spielt.

Dabei sollte man zumindest versuchen, zwischen den Begriffen »Raum« und »Ort« zu unterscheiden, obgleich beide auch manchmal synonym verwendet werden. Generell könne man »Raum« als »Produkt sozialen, politischen, kulturellen Handelns« oder auch als »Gegenstand von Eroberung, Planung und Kolonisierung« ansehen, während »Ort« eher als »Kristallisation von Geschichte und Gedächtnis« im Sinne Assmanns (2008: 180) zu verstehen sei, so Frau Prof. Bhoot zusammenfassend.

In Literatur und Medien sowie als Gegenstand der Postmoderne kann »Raum« ganz Unterschiedliches bedeuten: Wir haben es neben topographischen und anthropologischen auch mit virtuellen Räumen zu tun; zudem erleben wir beispielsweise die (Groß-)Stadt als Erlebnisraum und Labyrinth, aber auch als Raum der Anonymität. In Bezug auf Kolonisierung, Grenzen und Schwellen spielt zudem das Verhältnis von Zentrum und Peripherie eine Rolle. Und schließlich gibt es noch mythische Räume, sogenannte »imagined geographies«, die zwar physisch nicht (mehr) existieren, aber im (kollektiven) Gedächtnis erhalten und für die Menschen relevant bleiben, wie z. B. Palästina oder Kurdistan.

So stellt sich auch die Frage, was eigentlich »Heimat« ist, denn wir Menschen sind ständig damit befasst, zu migrieren, indem wir Grenzen (sowohl physische als auch imaginäre) überschreiten. Der Begriff der Heimat, so Frau Prof. Bhoot, hat sich seit dem 18. Jahrhundert stark verändert. An die Stelle von Aspekten wie Geburtsort und Nationalität scheinen eher andere Faktoren getreten zu sein. So lasse das Konzept von Heimat sowohl Offenheit als auch Geschlossenheit zu und, wie der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami (1998: 55) es ausdrückt: »Nicht die Herkunft, sondern das Dasein ist am Menschen wichtig.«

In Zusammenhang mit dem Thema Raum befasste sich der Vortrag im Anschluss näher mit dem Konzept der Heterotopien (von griech. héteros = andere und topos = Ort), das im Jahr 1966 von Michel Foucault geprägt wurde. Hierbei handelt es sich um »verwirklichte und lokalisierte Utopien«, die immer eine spezifische Funktion haben und häufig für Menschen in Krisensituationen gedacht sind. Diese »anderen Orte« sind in allen Kulturen auffindbar; können von diesen aufgelöst oder auch neu hervorgebracht werden; vereinen teilweise in sich mehrere eigentlich unvereinbare Orte; verweisen auf Zeitsprünge, indem sie entweder ewigkeitsorientiert oder zeitweilig sind; ihre Zugänglichkeit ist begrenzt und häufig mit Tabus und/oder Ritualen verknüpft; und sie besitzen eine Funktion gegenüber dem verbleibenden Raum. Für nähere Informationen und Beispiele sei an dieser Stelle auf Foucault 1966 verwiesen.

In einem weiteren interaktiven Intermezzo befassten wir uns intensiver mit verschiedenen Beispielen für Heterotopien und versuchten, diese zu gruppieren und in Typen einzuteilen. Dabei stellte sich heraus, dass Krisen und Extremfälle häufig eine Rolle spielen, aber auch die Frage nach Konformität mit der Gesellschaft. Temporäre Heterotopien stehen neben denen der Ewigkeit, zudem gibt es illusorische und kompensatorische Heterotopien – letztere, wie etwa der Container oder das Flüchtlingsheim, können für manche Menschen in manchen Situationen auch zu einer Art Heimat werden.

Abschließend wurde thematisiert, wie der Film »Auf der anderen Seite« Räume nutzt und was das mit Foucaults Heterotopien zu tun hat. Es zeigte sich, dass Raum im Film sehr eng mit (Er-)Leben und Handeln der Figuren verbunden ist (und so selbst zum Akteur wird) und dass sich die Haupthandlung an lauter Heterotopien abspielt. So wird Raum nicht nur als physisches und symbolisches Konstrukt dargestellt, sondern auch als soziales Phänomen. Dies spiegelt sich insbesondere auch in Bildperspektive und Kameratechnik wider, welche den Zuschauer von Orten zu »Nicht-Orten« führen. Dabei bleibt die Suche nach der »wahren Heimat« letztlich erfolglos, der Mensch verbleibt im Transitraum, anonym und fremd, ohne Grenzen, aber auch ohne Geschichte.

(Tina Krohn)