Migrant Children, Schools and Language in the Global South

Prof. Dr. Linda Chisholm (University of Johannesburg, South Africa)

A normalised sort of Fremdenfeindlichkeit
Prof. Dr. Linda Chisholm im Vortrag

Am 22.05.2019 begrüßte die LeibnizWerkstatt einen sehr weit gereisten Gast zur Vortragsreihe »mittwochs um vier«: Prof. Dr. Linda Chisholm vom Centre for Education Rights and Transformation der University of Johannesburg, South Africa, knüpfte an ihren Vortrag vom Sommersemester 2018 an und informierte uns diesmal über »Migranten, Bildung und Sprache im Globalen Süden« (so der deutsche Titel ihres Beitrags).

Der »Globale Süden« ist hierbei mehr als ein geographischer Begriff. Häufig wird er synonym mit Ausdrücken wie »Dritte Welt« oder »Entwicklungsländer« verwendet. Zugrunde liegt eine Aufteilung der Welt in Nord und Süd, die deckungsgleich mit der Differenz zwischen arm und reich ist. So ist der »Globale Süden« auch ein politisches Konzept mit Fokus auf Ungleichheit und Armut.

In ihrem Vortrag konzentrierte sich Frau Prof. Chisholm, wie schon bei ihrem ersten Besuch im Sommer 2018, auf Südafrika, wo sie dieses Mal das Thema Bildung – bezogen auf Schulen, Universitäten und Lehrkräfte – näher betrachtete. Zunächst gab sie uns jedoch eine kurze Zusammenfassung ihres vorherigen Vortrags, in dem es um die Geschichte der Migration nach Südafrika im Allgemeinen ging. Themen des Vortrags waren beispielsweise Migrationstypen und -quellen, Politik, Diskriminierung und Bürokratie, allgemeine Fremdenfeindlichkeit und die Antworten der Migrant_innen auf diese sowie deren verschiedene Erfahrungen und (Selbst-)Konzepte. Hierbei ist übrigens zu beachten, dass – im Gegensatz zur Wahrnehmung hier in Deutschland – nur Menschen, die nach 1994 (also nach dem Ende der Apartheid) nach Südafrika migriert sind, als Migrant_innen betrachtet werden.

In Südafrika gibt es Gesetze, die allen Kindern ein allgemeines Recht auf Bildung zusichern; auch ist das Land an entsprechenden Abkommen beteiligt und das Recht in der Verfassung verankert, ebenso wie dort Diskriminierung verboten wird. Was auf dem Papier gut aussieht, gestaltet sich leider in der Realität, wie so oft, durchaus konträr: Es finden sich massive Widersprüche zwischen Verfassung, internationalen und regionalen Konventionen auf der einen sowie der bürokratischen Praxis der Einwanderungsbehörde auf der anderen Seite, denn für »Illegale« ist im südafrikanischen Bildungssystem offiziell kein Platz, was die Schulen in schwierige Situationen bringt und viel Verwirrung stiftet. Für die Zulassung von Migrantenkindern für öffentliche Schulen gibt es diverse Hürden, z. B. fehlen häufig die nötigen Papiere, sie stehen auf den Einschulungslisten ganz hinten, die Familien sind mit finanziellen Belastungen, einer restriktiven Sprachpolitik und allgemeiner Fremdenfeindlichkeit konfrontiert.

Insgesamt ist die Sprachpolitik ein großes Problem – oder, wie Yu und Shandu (2017: 163) es ausdrücken: »[Sprache] bleibt im Nach-Apartheid-Südafrika eine unverdaute Herausforderung«. So sind Sprachtests generell nicht erlaubt, viele »Migrantensprachen« werden in den Schulen nicht gesprochen und speziell die Dominanz des Englischen in den späteren Schuljahren, als »language of testing and examination«, sorgt für massive sprachliche Probleme. So hat der Faktor Sprache an südafrikanischen Schulen häufig eine »gatekeeper«-Position inne und fungiert als Exklusionsmechanismus. Gleichzeitig lassen sich feindselige Tendenzen seitens der einheimischen Schülerinnen und Schüler erkennen, und zwar nicht nur gegenüber Migrantenkindern sondern auch bei Lehrkräften, beispielsweise bezogen auf deren Akzent oder Hautfarbe, was häufig dazu führt, dass sich die betroffenen Menschen immer mehr zurückziehen.

Doch die Lage ist nicht ausschließlich negativ zu bewerten, denn regelmäßig lässt sich beobachten, dass Kinder, mehr als die Erwachsenen, in der Lage sind, positive kosmopolitische Identitäten zu entwickeln (was im Detail sehr auf das in der jeweiligen Schule vorherrschende Klima ankommt) sowie Sprache und Identität als strategische Ressourcen zu nutzen, um vielfältiges kulturelles Kapital aufzubauen. Zudem lassen sich weitere Lichtblicke verzeichnen, denn obgleich es große Diskrepanzen zwischen dem offiziellen gesetzlichen Rahmen und der häufig ausschließenden Realität gibt, setzen sich diverse Organisationen sowie zivilgesellschaftliche und politische Bewegungen dafür ein, die Situation zu verändern und die Infrastruktur zu verbessern.

Im Bereich der Universitäten lässt sich eine gewisse »Internationalisierung« feststellen, die jedoch – verglichen mit Ländern wie Deutschland – eher bescheiden ausfällt. So findet sich im Jahr 2014 ein 7,5-prozentiger Anteil internationaler Studierender (übrigens in erster Linie aus anderen afrikanischen Ländern) an südafrikanischen Universitäten, während der Durchschnitt in anderen Systemen bei 15 bis 30 Prozent liegt. Auch der Anteil von Professor_innen und anderem wissenschaftlichen Personal ist mit nicht ganz 2.300 von knapp 18.000 Personen sehr überschaubar. Zudem lassen sich zunehmende Restriktionen bei der Anwerbung afrikanischer Studierender und Wissenschaftler_innen feststellen – insgesamt ist in diesem Bereich also noch viel Luft nach oben.

Noch schlimmer ist die Lage bei den Lehrerinnen und Lehrern: Auch hier kommen die meisten Studierenden und Lehrkräfte aus den unmittelbaren Nachbarstaaten Südafrikas – insgesamt sind allerdings nicht einmal 0,5 Prozent der Lehrkräfte Migrant_innen. Sie unterrichten häufig Mangelfächer (Mathematik, Naturwissenschaften, Englisch, Afrikaans), verdienen jedoch weniger Geld und verfügen über weniger Job-Sicherheit und Status als einheimische Lehrkräfte – und das trotz massiven Lehrkräftemangels im Land. So lässt sich deutlich die in so vielen Sektoren Südafrikas nach wie vor vorherrschende »normalisierte Fremdenfeindlichkeit« erkennen, die noch lange nicht zu überwunden sein scheint – oder, wie Frau Prof. Chisholm in Anlehnung an Nelson Mandela resümierte: »It’s a long walk to freedom in all spheres«. Und dies gilt umso mehr, wenn es um Migrantenkinder und ihren Zugang zu Bildung geht.

(Tina Krohn)