»Einheit in der Vielheit« – Leibniz und seine Impulse für heute

Dr. Annette Antoine (Deutsches Seminar)

Offenheit nach vielen verschiedenen Richtungen und Seiten
Dr. Annette Antoine im Vortrag

Unter dem Titel »Einheit in der Vielheit« beschäftigte sich Dr. Annette Antoine, Literaturwissenschaftlerin vom Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover, am 15.05.2019 mit dem Namenspatron unserer Universität und seinen Impulsen für die heutige Zeit.

Im Verlauf ihres Vortrags brachte uns Frau Dr. Antoine Leibniz‘ Biographie näher, skizzierte seine bedeutendsten Theorien, Ideen und Haltungen und deren bis heute spürbare Auswirkungen. Von besonderem Interesse war hierbei die Frage, wie sowohl Leibniz‘ Gedanken als auch er selbst als Persönlichkeit Impulse und Anknüpfungspunkte für die Didaktik liefern können.

Im ersten Teil ihres Beitrags beleuchtete die Referentin ausführlich Leben und Werdegang des berühmten Universalgelehrten, der bereits mit 15 Jahren ein Universitätsstudium aufnahm und sich später als Philosoph, Mathematiker, Erfinder, Historiker, Sprachwissenschaftler und vieles mehr betätigte. Neben Stationen in Nürnberg, Rom, Paris und Wien verbrachte der gebürtige Leipziger einen Großteil seines Lebens in Hannover, wo er im Dienste der Fürsten des Welfenhauses stand. Leibniz‘ Verhältnis zu seinen Dienstherren war dabei durchaus nicht frei von Konflikten und Problemen und der leidenschaftliche Briefeschreiber und Netzwerker musste im Laufe seines Lebens viele Rückschläge hinnehmen. Dennoch gab Leibniz nie auf und verfolgte seine vielfältigen Forschungen stets mit Feuereifer.

Leibniz befasste sich mit unzähligen Themen und Forschungsprojekten und stellte komplexe Theorien auf. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit seiner Forschung und Gedankenwelt würde hier jeglichen Rahmen sprengen, einige wichtige Eckpunkte, deren Bedeutung bis heute besonders spürbar ist, sollen aber nicht unerwähnt bleiben. So entwickelte Leibniz neben der Infinitesimalrechnung (was ihm übrigens etwa gleichzeitig mit Isaac Newton gelang und zu einem äußerst unerfreulichen Plagiatsstreit führte, den Newton schließlich unter Zuhilfenahme unlauterer Mittel für sich entschied) das binäre System, welches der modernen Computertechnik zugrunde liegt, und eine komplexe Rechenmaschine. Leibniz als »Vater des Computers« zu bezeichnen, wie es gelegentlich geschieht, wäre zwar etwas zu weit vorgegriffen; es lässt sich jedoch nicht abstreiten, dass er wichtige Grundlagen für unsere heutige digitalisierte Welt gelegt hat.

Leibniz‘ Gedankenwelt war universal ausgerichtet und integrierend. Er war ein früher Verfechter von partnerschaftlichem kulturellem Austausch und der Wertschätzung anderer Kulturen auf Augenhöhe. Ebenso setzte er sich für eine Wiedervereinigung der christlichen Konfessionen ein, freilich ohne großen Erfolg. Vielleicht waren Leibniz‘ philosophische Ansätze seiner Zeit ebenso voraus wie viele seiner Erfindungen, deren Umsetzung an den technischen Möglichkeiten der Zeit scheiterte.

Leibniz war ein Rationalist mit empiristischem Einschlag. Er ließ den Verstand als Erkenntnisquelle zu und konstruierte einen an die Vernunft gekoppelten Gottesbegriff. Gott als die höchste Vernunft habe, so Leibniz‘ Annahme, unsere Welt als »beste aller möglichen Welten« geschaffen – allerdings nicht im absoluten Sinne, denn Welt und Menschen sind nicht frei von Übel. Jedoch kann der Mensch sich bessern, wenn er sich bemüht. Alles Tun des Menschen untersteht daher dem Zusammenwirken für das allgemeine Wohl. In diesem Sinne war Leibniz ein Optimist, denn er glaubte an das Gute, ohne Schlechtes auszublenden, strebte stets nach Verbesserung, ohne jemals aufzugeben. So kann er heutigen Generationen nicht nur auf Grundlage seiner Gedankenwelt, sondern auch als Person als Vorbild und Orientierung dienen. Leibniz‘ ganzheitliche Ansätze können zudem Interesse für die größeren Zusammenhänge wecken und Orientierung schaffen. Dabei geht es nie um graue Theorie oder totes Wissen, sondern immer um »theoria cum praxi«, also eine Einheit von Theorie und Praxis.

Gerade in Zeiten zunehmender Globalisierung, so lässt sich abschließend festhalten, können Leibniz‘ vorurteilslose und kulturoffene Grundsätze von der Welt als »Einheit in der Vielheit« und dem gemeinschaftlichen Handeln für das Gemeinwohl wichtige Orientierungspunkte darstellen.

(Tina Krohn)