Zwischen Prestige und sozialer Isolation, Rampenlicht und Abseits: Migrationsbiographien internationaler Fußballspielerinnen

PD Dr. Nina Clara Tiesler (Institut für Soziologie)

Strukturell ist der Frauenfußball mindestens 80 Jahre hinter dem Männerfußball
PD Dr. Nina Clara Tiesler im Vortrag

Passend zur aktuell stattfindenden Fußballweltmeisterschaft der Frauen in Frankreich gab uns PD Dr. Nina Clara Tiesler vom Institut für Soziologie tiefere Einblicke in die Welt des Frauenfußballs. Im Fokus des Vortrags standen Gender-Aspekte und die Migrationsbiographien der Fußballerinnen, die sowohl im Vergleich mit dem Männerfußball als auch mit der herkömmlichen Arbeitsmigration betrachtet wurden.

Der Fußball, egal ob von Frauen oder Männern betrieben, ist ein breites Forschungsfeld, dessen Betrachtung insbesondere im Rahmen des Globalisierungsdiskurses interessant ist. Als omnipräsentes soziales Feld und Vorreiter der Globalisierung besitzt der Fußball seine ganz eigene Dynamik, die gleichermaßen universal und partikular ist: Der Sport hat seinen eigenen Wertekanon, sein eigenes »Rechtssystem«. So kann man mit Fug und Recht von einer Parallelgesellschaft sprechen, in der eigene Gesetze gelten. Gleichzeitig ist das Feld einem stetigen Wandel unterworfen und der Fußball ist oft Vorreiter von Prozessen, die im Nachgang auch gesamtgesellschaftlich wirksam werden.

Im Verlauf ihres Vortrags berichtete uns Frau Dr. Tiesler von einem Forschungsprojekt, das sie vor einigen Jahren durchführen konnte und in dessen Rahmen sie Interviews mit Fußballerinnen verschiedenster Herkunft führen durfte. Einleitend betrachtete sie den Strukturwandel des modernen Sports aus sozialwissenschaftlicher Perspektive (die Sportsoziologie befasst sich mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen in Verbindung mit sportimmanenten Spezifika), wobei ihr Fokus auf dem Prozess der Sportglobalisierung lag. Dabei liegt der Forschung ein Konzept von »Globalisierung als Verdichtung sozialer Beziehungen auf verschiedenen Ebenen und Teilbereichen der Weltgesellschaft« zugrunde.

Der Sportglobalisierungsprozess besteht aus drei Elementen, die ineinander greifen: Neben der globalen Produktion (in Form von internationalen Verbänden, Wettkämpfen, Megaevents etc.) stehen die globale Popularität (Vermarktung und Inszenierung, Fans und Aktive im Breitensport, weltweite Medienproduktion) und die globale Mobilität (Migration von Sportler_innen und Trainer_innen, Transferbedingungen, Talent-Scouting-Systeme). Betrachtet man die interdisziplinäre Forschung zu diesen drei Feldern näher, so wird man feststellen, dass sich neben den spezifischen Bereichen wie Sportgeschichte, Medienforschung und Sportsoziologie überall die Geschlechterforschung wiederfindet.

Dies überrascht wenig, wenn man bedenkt, dass es heute kaum ein Feld gibt, das stärker gegendert ist als der Sport. So gab und gibt es denn auch massive Widerstände von Männern gegen den Frauenfußball, in Form von gesetzlichen und medizinisch begründeten Verboten (der DFB beispielsweise nahm den Frauenfußball erst 1974 auf die Agenda, in anderen Ländern ist Frauen das Fußballspielen bis heute verboten). Als Begründung werden häufig biologistische Argumente herangezogen, die auf die Gesundheit und insbesondere die Reproduktionsfähigkeit der Frauen abzielen. So könne die Frau beispielsweise großen Schaden nehmen, wenn der Ball Unterleib oder Brust trifft. Welches Bild von Geschlechterrollen solchen Argumenten zugrunde liegt, liegt auf der Hand.

Der Sportglobalisierungsprozess zeigt, was der Diskurs gern außer Acht lässt: Globalisierung ist kein »Wesen« für sich, sondern es hängt stets am Menschen. Wir haben es mit ganz konkreten Frauen (und natürlich auch Männern) zu tun, die Grenzen überschreiten – häufig freilich unter äußerst prekären Bedingungen. Dabei zeigt sich auch, dass der zunehmend beschworene »entfesselte Kapitalismus« im Fußball schon sehr früh vorhanden war – einmal mehr kann der Fußball als »Glaskugel für gesellschaftliche Ereignisse« dienen.

Im Anschluss an einige Zahlen und Fakten zur globalen Mobilität von Fußballerinnen präsentierte Frau Dr. Tiesler ihre Forschungsfragen und die mit diesen verknüpften Theorien und Konzepte. Unter anderem interessierte sie sich für Migrationspfade und Hauptcharakteristika, mögliche Unterschiede zwischen Kern- und Entwicklungsländern, das Ausmaß von Integration im Zielland und transnationale Aktivitäten der Spielerinnen sowie deren Chancen auf soziale Mobilität und den Gewinn sozialen Kapitals aus ihrer Migration.

Dabei fallen einige Dinge besonders auf: 1) »Wo Männerfußball nicht King of Sports ist, da konnte sich Frauenfußball sehr gut entwickeln.« Dies gilt insbesondere für die USA, aber auch für Bereiche wie Skandinavien, Ostasien und andere Länder. Deutschland ist in diesem Zusammenhang als große Ausnahme anzusehen, da hier beide Sparten gut aufgestellt sind. 2) Die Frauen sind integriert, häufig aber nur im Verein – im privaten Umfeld sind sie oft isoliert. Transnationales Engagement ist vorhanden, hängt im Detail aber immer vom jeweiligen Sponsor ab. 3) Im Bereich der sozialen Mobilität sind »manche gleicher als andere«: Eine besonders gute Ausgangslage haben beispielsweise die US-Amerikanerinnen, die auf der ganzen Welt mit Kusshand genommen werden. 4) Bezogen auf das soziale Kapital sind Auslandserfahrungen (wie eigentlich in jedem Bereich) ein hohes Gut; im Fußball kommen sie einem »rite de passage« gleich.

Betrachtet man die supra-strukturellen und soziokulturellen Bedingungen des Frauenfußballs näher, so zeigt sich, dass dieser nach wie vor einem Stigma unterworfen ist: Es herrscht eine heteronormative Konstruktion von Weiblichkeit vor, die sich in Körperkonzepten, Geschlechterrollen und der Repräsentation von Frauen in öffentlichen Bereichen widerspiegelt; gern in Kombination mit Homophobie. Diese Konstruktionen treiben teils extreme Blüten; beispielsweise in Afrika, wo Fußballspielen (bei Frauen) landläufig als deviantes Verhalten angesehen wird und die Frauen dem allgegenwärtigen Risiko ausgesetzt sind, einer »corrective rape« zum Opfer zu fallen. Gleichzeitig bringt die Aktivität als Fußballspielerin aber auch Anerkennung mit sich, beispielsweise bei internationalen Erfolgen, sowohl auf der individuellen Ebene als auch als Repräsentantin der eigenen Nation.

Frauen- und Männerfußball weisen unterschiedliche Mobilitätstypen auf: Während letzterer Bereich stark von sogenannten »Ex-patriate Players« dominiert wird (also Spieler_innen, die das Land, in dem sie ihre Ausbildung erhalten haben, verlassen, weil ein ausländischer Club sie rekrutiert hat), finden sich im Frauenfußball weitere »Transnational Players« (so die von Frau Dr. Tiesler favorisierte Oberkategorie): Neben »Diaspora Players« (Töchter von Auswander_innen, die in strukturstarken Ländern ihre Ausbildung erhalten haben und dann im Herkunftsland ihrer Eltern spielen) stehen »New Citizens«, die zum Zwecke der Mitgliedschaft in einer Nationalmannschaft in einem anderen Land eingebürgert werden.

Was hat nun diese verschiedenen Typen von Spielerinnen zur Migration motiviert? Die Diaspora Players gaben häufig an, die Träume ihrer Eltern verwirklichen oder sich wieder mit ihren Wurzeln verbinden zu wollen, während die Ex-patriates häufig damit argumentieren, dass sie »das Risiko eingehen« wollten, also die Migration als Abenteuer ansehen. Zudem gibt es noch die Gruppe derer, deren Migration durch Leidenschaft und »die Sache« ausgelöst wurde: Hier findet sich eine positive Wahrnehmung von Emigration, sie wollten die Nationalmannschaft verbessern, indem sie im Ausland Erfahrungen sammelten. Für manche Frauen gab es jedoch auch einen viel basaleren Grund für die Migration: »To play at all« – wären sie nicht migriert, wäre ihnen das Fußballspielen völlig verwehrt geblieben.

Grundsätzlich lassen sich drei Gruppen von motivierenden Faktoren ausmachen: 1) Fußballerfahrung: Die Frauen wollten als Profi spielen, ihre Fähigkeiten unter besseren Bedingungen verbessern, (sich für) ihre Nationalmannschaft verbessern und/oder internationale Erfahrung sammeln. 2) Der Traum von sozialer Mobilität: Man wünschte sich einen höheren Status nach der Rückkehr, eine Fußball-verbundene Ausbildung (auch für die Zeit nach dem Karriereende) und »kosmopolitische« Erfahrung. 3) Die finanziellen Aussichten – nicht der Hauptfaktor, aber aus pragmatischer Sicht nicht zu vernachlässigen. Zudem ein flexibles Werkzeug für die Rechtfertigung, denn man verdient nicht nur als aktive Spielerin Geld, sondern kann auch für die Zukunft vorbauen.

Gleichzeitig finden sich auch Argumente gegen die Entscheidung für eine (erneute) Migration: Man konnte die Sprache nicht verstehen, sich mit dem Spielstil nicht anfreunden, wollte nicht so weit entfernt von der Familie sein und/oder war im Zielland isoliert und gelangweilt. Hinzu kommt die Angst, nach einer erneuten Migration nicht in den jetzigen Beruf zurückkehren zu können; man argumentiert damit, bereits zu alt zu sein oder müsste sogar die eigene Ablösung zahlen, was außerhalb der finanziellen Möglichkeiten liegt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Analogiebildungen zwischen der Migration von Fußballerinnen und »konventioneller« Arbeitsmigration von Frauen 1:1 nicht möglich sind, obgleich man gewisse Ähnlichkeiten feststellen kann. Der Fußball mit seiner ganz eigenen Kultur ist aber viel zu partikular, um Verallgemeinerungen zuzulassen. Zudem lässt sich ein großes Gefälle zwischen globalem Norden und Süden ausmachen und generell sind die Fälle individuell sehr unterschiedlich, sodass man letztlich jede Geschichte für sich betrachten müsste, um zu einem wirklich umfassenden Bild zu kommen.

(Tina Krohn)