»Theater für alle«? – Inklusion und Exklusion im Theater am Beispiel Gehörloser und Hörender

Dr. Rafael Ugarte Chacón (Institut für Philosophie)

Wie viel und welche Art von Exklusion ist akzeptabel?
Dr. Rafael Ugarte Chacón im Vortrag

Den Abschluss der Vortragsreihe »mittwochs um vier« im Sommersemester 2019 bildete ein Beitrag von Dr. Rafael Ugarte Chacón, Theaterwissenschaftler vom Institut für Philosophie. Aufbauend auf seiner Dissertation befasste er sich am 17.07.2019 mit Mechanismen von Inklusion und Exklusion in einem für »Otto Normalverbraucher« eher ungewöhnlichen Bereich: dem Gehörlosentheater.

Zunächst stellt sich die Frage: Was ist Gehörlosentheater eigentlich und an welches Publikum richtet es sich? Häufig geht es bei Kunst von Menschen mit Behinderungen (zur Problematik des Begriffs Behinderung, insbesondere in Bezug auf Gehörlose, sei an dieser Stelle auf Herrn Ugarte Chacóns Beitrag aus dem Wintersemester 2017/2018 verwiesen) um ein Publikum ohne Behinderung und »Menschen mit Behinderung als Objekt des Blickes der Zuschauenden« –solche Aufführungen, die bewusst ein anderes Publikum als Gehörlose ansprechen, sind jedoch kein Gehörlosentheater.

Neben reinem Gehörlosentheater – von Gehörlosen für Gehörlose, ohne Zugangsmöglichkeit für Menschen, die nicht die Gebärdensprache beherrschen – lassen sich verschiedene Formen des Theaters für Gehörlose und Hörende unterscheiden. Der noch immer häufig anzutreffende, aber eigentlich veraltete und nicht angemessene, daher häufig kritisierte, sogenannte technokratische Ansatz möchte Aufführungen auch für ein gehörloses oder schwerhöriges Publikum zugänglich machen, indem er ihnen das Verständnis von Plot und Dialogen ermöglicht. Meist werden hierzu Dolmetscher_innen am Bühnenrand eingesetzt; die Übersetzung ist jedoch häufig nur unvollständig, lenkt natürlich vom eigentlichen Geschehen auf der Bühne ab, ist nicht ästhetisch in die Aufführung integriert und es gibt in der Regel auch keine Qualitätssicherung.

Zudem sind bei diesem Ansatz nach wie vor Hörende das Primärpublikum, während Gehörlose als Menschen mit besonderen Bedürfnissen dargestellt werden. So werden die gesellschaftlichen Unterschiede und die Hierarchie zwischen Hörenden und Gehörlosen aufrecht erhalten. Ein weiteres Problem: Der technokratische Ansatz ist sehr sprachzentriert und verliert dabei die Beschaffenheit von Theateraufführungen aus den Augen. Bedeutung steckt nicht nur in der Sprache und ist auch nicht von vornherein festgelegt, sondern sie entsteht auch während der Aufführung, durch die Interpretationen des Publikums. Und auch die Ästhetik, die eng verbunden ist mit der eigenen Wahrnehmung (wobei Wahrnehmung nicht nur körperlich, sondern auch sozial und kulturell zu verstehen ist), geht über Sprache hinaus. Und schließlich wird auch dem Theater als sozialem Ort vom technokratischen Ansatz nicht genug Bedeutung beigemessen. So verschenkt er insgesamt viel Potenzial.

Wichtig wäre also, die Heterogenität des Publikums angemessen zu berücksichtigen, indem man Menschen mit Behinderungen mitdenkt (das fängt schon beim barrierefreien Zugang zum Theatergebäude an) und sich stets vor Augen hält, dass die eigene, individuelle Wahrnehmung nicht verabsolutierbar ist. Zwischen Gehörlosen und Hörenden existieren grundlegende Unterschiede auf den Ebenen des Körpers, der Macht und der Kultur, wobei sich die Verschiedenheit der Wahrnehmung in Hierarchie und Diskriminierung sowie der Frage nach Normalität widerspiegelt und zu verschiedenen Sprachen, künstlerischen Traditionen, Theaterkonventionen, Umgangsformen und einem jeweils spezifischen Körperbild führt.

Wie lassen sich diese Unterschiede, ebenso wie die verschiedenen »Hilfsmittel« zur Sicherung des Verständnisses, nun im Theater angemessen berücksichtigen und kreativ nutzen und verarbeiten, sodass alle – Gehörlose wie Hörende – gleichermaßen einbezogen werden? Herr Dr. Ugarte Chacón schlägt hierfür den Ansatz der »Ästhetik des Zugangs« vor, den er dem interessierten Publikum anhand von Videobeispielen aus inklusiven Theaterprojekten mit Gehörlosen und Hörenden näher brachte, die sich an ein ebenso gemischtes Publikum richteten. Hier lässt sich eine Vielzahl von Ein- und Ausschlussmechanismen erkennen, etwa ein Wechsel von Lautsprache und Gebärdensprache, mal mit, mal ohne Übersetzung, unterstützt durch Schrift, Bilder, Gesten und vieles mehr. So herrscht eine andauernde Asymmetrie der Informationsweitergabe, Einschluss und Ausschluss wechseln beständig. Dadurch wird kommunikativer Ausschluss innerhalb der Gesellschaft deutlich und erfahrbar und es wird betont, dass alle das Bedürfnis nach Kommunikation haben.

Die Ästhetik des Zugangs macht also Konflikte und Hierarchien direkt erfahrbar und verständlich, indem sie auf allen drei relevanten Ebenen wirksam wird: Bezogen auf den Körper berücksichtigt sie die unterschiedlichen Wahrnehmungsdispositionen und ermöglicht multisensorische Kommunikation. Im Bereich der Macht kann sie für eine zumindest zeitweise Umkehr von Hierarchien sowie für wechselnden Ein- und Ausschluss sorgen und die Annahme wie auch immer gearteter »besonderer Bedürfnisse« vermeiden. Und auf der Ebene der Kultur schließlich werden Sprache, künstlerische Traditionen und Theaterkonventionen Gehörloser wie Hörender berücksichtigt und Gehörlosigkeit als ebenso »normal« akzeptiert und dargestellt wie das Hörendsein.

So kann die Ästhetik des Zugangs also, im Gegensatz zum technokratischen Ansatz, der Konflikte vermeidet und das ästhetische Potenzial des Zusammentreffens zwischen Gehörlosen und Hörenden nicht berücksichtigt, die Ausgangssituation ästhetisch nutzen, indem sie unterschiedliche kulturelle und sprachliche Einflüsse kombiniert und kontrastiert. So kann sie Zugang schaffen und Hierarchien überwinden oder umkehren.

Allerdings stellt sich in letzter Zeit zunehmend die Frage, ob dieser Ansatz wirklich die richtige Lösung ist, denn neben Lob werden auch mächtige kritische Stimmen laut, speziell von Seiten der Gehörlosencommunity. So werde beispielsweise die kulturelle Gehörlosigkeit nicht angemessen berücksichtigt, Gehörlose im Publikum oder auch beim Casting benachteiligt. Hinter dieser Problematik verbirgt sich eine weitaus tiefer gehende Debatte um ein grundsätzliches Verständnis von Kunst (inwieweit Kunst etwa grundsätzlich unzugänglich bleiben darf) und Inklusion und ob diese überhaupt miteinander vereinbar sind. Vorerst lässt sich dieses Spannungsfeld nicht auflösen, weshalb der Vortragende nur zu dem Schluss kommen konnte: »Ich kann nur mit Fragen enden – ich habe keine Antwort.«

(Tina Krohn)