Diskriminierungskritische Sprache – political correctness für Geeks oder relevantes Entwicklungsfeld für uns Alle?

Prof. Dr. Alisha Heinemann (Universität Bremen)

Vom Wort in die soziale Praxis
Prof. Dr. Alisha Heinemann im Vortrag

Diskriminierungskritische Sprache – was ist das eigentlich und ist das nur ein Modetrend in akademischen Kontexten oder hat sie nicht doch Alltagsrelevanz für uns alle? Mit diesen Fragen befasste sich am 26.06.2019 Prof. Dr. Alisha M. B. Heinemann, Erziehungswissenschaftlerin von der Universität Bremen.

Möchte man sich mit diskriminierungskritischer Sprache befassen, so ist es wichtig, sich zunächst zwei Dinge klarzumachen: Zum Einen benötigen wir ein Bewusstsein über die Geschichtlichkeit von Sprache, denn diese hat immer eine Geschichte und eine »Ladung«; sie ist stets eng verwoben mit den historischen, politischen und ökonomischen Machtverhältnissen. Und wo die Machtverhältnisse in Schieflage geraten, das wissen wir spätestens seit Foucault, ist die Gewalt nicht weit. Der zweite wichtige Zusammenhang, den wir betrachten müssen, ist daher der von Sprache und Gewalt, denn: Es gibt keine gewaltfreie Sprache.

Grundsätzliche können wir zwei Arten von Gewalt unterscheiden: Physische Gewalt dient der absichtlichen Verletzung eines Körpers, resultierend in Schmerzen und Verwundungen. Dabei ist der soziale Kontext wichtig, um zu entscheiden, ob etwas als gewaltvoller Akt gilt oder nicht. Nur wenn das Ziel des Aktes eine Verletzung, ein Schaden, eine Demütigung des Gegenübers ist, zählt dieser auch wirklich als gewaltvoll. So definiert ist physische Gewalt häufig nur ein Mittel zum Zweck; sie dient der Machtdemonstration und wird genutzt, um eine andere Art von Gewalt auszuüben:

Symbolische Gewalt (ein Begriff aus der kritischen Soziologie zur Kultur- und Gesellschaftsanalyse, zurückgehend auf Pierre Bourdieu), ist deutlich subtiler als körperliche Gewalt, denn sie ist wie selbstverständlich in Normalitäten eingebunden. Sie manifestiert sich als »gewaltlose Gewalt« und geht dabei ganz sanft und alltäglich vor. Indem sie die Willkürlichkeit von Herrschaftsordnungen verschleiert und für sich beansprucht, die legitime Repräsentation der Realität zu sein, sichert symbolische Gewalt die Anerkennung von Herrschaftsordnungen.

Aber was hat das nun mit Sprache zu tun? Hierzu müssen wir uns deren körperliche Seite vor Augen führen, denn Sprache und physische Gewalt stehen in einem Verhältnis zueinander: Unsere Sprache (und somit auch unser Denken und unsere Wahrnehmung) hat eine starke körperliche Komponente. Das erkennen wir beispielsweise an Formulierungen wie »Das trifft mich ins Mark« oder »Das war ein Schlag ins Gesicht«. So kann Sprache auch direkt auf den Körper einwirken und konkrete Reaktionen auslösen, wie Erröten, Ohnmachtsgefühle, »einem bleibt die Luft weg« und vieles mehr. Physische und sprachliche Gewalt sind also eng miteinander verwandt, obgleich sie sich in der Art, wie Gewalt ausgeübt wird, sowie in den Ebenen, auf denen diese wirksam wird, im Detail unterscheiden.

Sprachliche Gewalt wirkt durch die symbolische Ordnung: Sie besitzt stets eine soziale und eine politische Dimension, wirkt abwertend, will das Gegenüber sprachlos machen und seine soziale Position erniedrigen. Die angegriffene Person muss, will sie gegensteuern und ihre Position zurückgewinnen, aktiv werden und sich wehren. Das ist allerdings leichter gesagt als getan, denn: »Ich brauche eine Position, auf der ich gehört werde«, es müssen also entsprechende Machtmittel zur Verfügung stehen – und das ist speziell für marginalisierte Gruppen äußerst problematisch.

Sprache produziert und formt also Realitäten – wie das funktioniert, verrät uns die Sprechakttheorie von Austin (1998). Nach dieser bringt Sprache nicht nur Aussagen über die Welt hervor, sondern ist auch selbst ein Handeln in der Welt: »Sprachliches Handeln schafft soziale Verpflichtungen, bringt soziale Identitäten hervor und etabliert soziale Tatsachen«. Diese performative Kraft der Sprache reproduziert gesellschaftliche Strukturen und weist Menschen eine Position im sozialen Raum zu; so verändert die Sprache konkret die Wirklichkeit (etwa bei einer Hochzeit). Dabei ist die Intention der sprechenden Person sekundär, denn die Wirkung kommt unabhängig von dieser zustande.

Dadurch kann Sprache leicht diskriminierend oder verletzend (auch ohne körperliche Einwirkung) sein, auch wenn die sprechende Person gar keine bösen Absichten hatte – und zwar immer dann, wenn sie sich auf Konventionen oder Normen stützt, wenn die Sprechenden eine gewisse Autoritätsposition inne haben, gesellschaftlich anerkannt sind etc. So entsteht diskursive Gewalt, als Ergebnis von gesellschaftlichen Praktiken, denn die Geschichtlichkeit der Sprache wird in den Diskursen weitergetragen und entfaltet ihre Wirkung auf allen gesellschaftlichen Ebenen.

Wörter und Begriffe stehen nie losgelöst für sich im Raum, sondern sind stets mit dahinter liegenden Konzepten verknüpft. Wenn nun ein Konzept mit historischer Gewalt beladen ist, kann auch das dazugehörige Wort gewaltvoll werden (ein anschauliches Beispiel für diese Zusammenhänge ist sicher das prominente »N-Wort«, das eng mit kolonialer Herrschaft und Gewalt zusammenhängt und nicht losgelöst von diesem Kontext betrachtet werden darf). Dabei ist wichtig zu beachten, dass sich Konzepte von Mensch zu Mensch unterscheiden und wir niemals alle Aufladungen der Begriffe kennen können. Was für die eine Person völlig unproblematisch ist, kann für eine andere verletzend sein. Wir müssen daher unser Gegenüber stets ernst nehmen, wenn es eine Verletzung äußert.

Sprache kann verletzen und sie kann diskriminieren – das liegt ein Stück weit in ihrer Natur, denn um zu funktionieren, braucht Sprache Kategorien (und auch unser Denken kommt schwerlich ohne diese aus). Solange es dabei nur um Gemüse, Möbel oder Kleidungsstücke geht, ist das auch völlig unproblematisch, doch bezogen auf Menschen führt Kategorisierung nur allzu schnell zu Ausgrenzungen. Zwar machen Kategorien die Sprache eindeutig(er), doch findet sich diese Eindeutigkeit in der Wirklichkeit im Regelfall nicht. Durch die in ihren Kategorien angelegten Ein- und Ausschlüsse wird die Sprache somit »per se aus sich selbst heraus gewaltvoll«, auch ohne physisch-gewaltvolle Erfahrungen zu aktualisieren.

So können denn auch scheinbar wertneutrale Unterscheidungen (wie etwa Geschlecht oder Alter) schnell zu Diskriminierung führen, denn an all diesen Kategorisierungen und Klassifikationen hängt immer ein ganzer Rattenschwanz von Bewertungen, von Normen, Verengung und Hierarchisierung. Daher ist es wichtig, stets offen zu sein und sich immer wieder bewusst zu machen: »Es könnte auch anders sein!« Wenn ich meine Sprache diskriminierungskritisch gestalten möchte, muss ich also zunächst eine Sensibilität für Diskriminierung entwickeln und mir bewusst werden, wie wirkmächtig Sprache ist, aus welcher Position heraus ich spreche und wie es um meinen eigenen sozialen Status und die mit diesem verbundenen Privilegien bestellt ist. Außerdem ist es wichtig, sich über Selbstbezeichnungen zu informieren sowie Kulturalisierungen und Stereotypisierungen zu vermeiden.

Und schließlich gilt es noch auszuloten, wann es angemessen ist selbst zu sprechen, wann ich lieber zuhören sollte und wann Personen in marginalisierten Positionen der Sprechraum zu überlassen ist. Wenn wir diese Punkte berücksichtigen, dann hat diskriminierungssensible und -kritische Sprache eine wirkliche Chance – so können wir mit relativ einfachen Mitteln alle jeden Tag dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft ein bisschen weniger gewaltvoll wird und wir uns letztlich alle wohler fühlen.

(Tina Krohn)