Die ethnische Falle

Prof. Dr. (em.) Detlev Claussen (Institut für Soziologie)

Ethnizität ist die subjektive Wahrnehmung eines gesellschaftlichen Prozesses – und als solche verdient sie es, analysiert zu werden.
Prof. Dr. (em.) Detlev Claussen im Vortrag

Am 29.05.2019 begrüßte die LeibnizWerkstatt zum 75. Vortrag der Reihe »mittwochs um vier« Prof. Dr. (em.) Detlev Claussen vom Institut für Soziologie, der uns unter dem Titel »Die ethnische Falle« das Konzept der Ethnizität als Kategorie und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft näher brachte.

Ethnizität ist im soziologischen Diskurs schon seit einigen Jahrzehnten ein Thema. Generell sind Kategorien ethnischer Identität häufig sehr nah an Gewalt gebaut, und obgleich sie in der Alltagssprache häufig ohne böse Absicht oder Schuldbewusstsein verwendet werden, transportieren sie vieles mit sich. Hier lassen sich Zusammenhänge mit sogenannter »Alltagsreligion« ausmachen, die einen Versuch darstellt, auf der Suche nach einfachen Wahrheiten Komplexes handhabbar und leichter verständlich zu machen. Wenn wir uns mit entsprechenden Kategorien beschäftigen, sollte unser Ansatzpunkt daher immer ein zweifacher sein: Neben der Vereinfachung müssen wir auch die komplexen Sachverhalte in den Blick nehmen, die dahinter liegen.

Der erste Schritt muss daher sein, das Vereinfachte in Frage zu stellen. »Ethnizität gibt es wirklich«, diese Grundannahme lag dem Vortrag zugrunde. Dabei ist sie als Kategorie (so wie alle Kategorien) weder bloß objektiv noch rein subjektiv. Zudem kann man, wie so häufig, »das Eine nicht ohne das Andere denken« – womit in diesem Fall die Kategorien der Ethnizität und der Nation gemeint sind, die sich in einem stetigen Spannungsverhältnis befinden. Hier spielt das verbreitete Alltagsverständnis von Deutschland als Nation eine wichtige Rolle: Obgleich es unseren Nationalstaat als solchen erst seit rund 150 Jahren gibt, hat sich in vielen Köpfen eine Vorstellung von der Nation als etwas, das es immer schon gegeben hat und das unveränderlich ist, festgesetzt.

Wir haben es hier also mit einem fiktiven Moment der »deutschen Kultur« zu tun, die es so einheitlich in Wahrheit doch gar nicht geben kann. Vielmehr treten Nationalstaat und Kultur auseinander; noch deutlicher wird dies bei der Kategorie des »deutschen Volkes« – übrigens ein Problem, das durch »unsere unglückliche Nationalhymne« noch gesteigert wird, welche zu einer Zeit entstand, als es Deutschland noch gar nicht gab und zu der wir uns noch im Zustand deutscher Kleinstaaterei befanden. Fiktive Beimischungen und Ethnizität werden hier als Ersatz für den bislang nicht-existenten Nationalstaat verwendet. Eine wirkliche Identität von Sprache, Bevölkerung, Staat etc. ist zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht gegeben.

Im heutigen Sinne gibt es das Konzept der Ethnizität etwa seit den 1960er-Jahren, in denen es sich zunächst in den USA etablierte. Ziel dieser neuen Kategorie war es, die Gesellschaft ohne die Kategorie der »Rasse« zu beschreiben. Interessanterweise kann Ethnizität auf verschiedene Arten eingesetzt werden: Ebenso als reaktionäre Kategorie (»Wir weiße angelsächsische Männer waren immer schon da, wir gehören hierher!«), wie auch als Beschreibung des Selbstverständnisses der »knallbunten« Gesellschaft diversester Herkunft (»Wir sind auch Amerikaner!«). Ethnizität ist also auch eine Differenzierungskategorie und verdient als solche besondere Aufmerksamkeit, indem sie einer veränderten ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung Rechnung trägt.

Diese veränderte Zusammensetzung kann man nicht nur in den USA und anderen »klassischen« Einwanderungsländern wie Kanada oder Australien ausmachen, sondern auch die Realität der Bundesrepublik als Einwanderungsland lässt sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr leugnen. In dieser ethnisch heterogenen Gesellschaft hilft uns die Kategorie der Ethnizität, die verschiedenen eingewanderten Gruppen als individuell und mit jeweils eigenen Geschichten versehen wahrzunehmen und zu verstehen. So wird die Ethnizität – auch im Selbstverständnis der entsprechenden Gruppen – von der Herkunftskategorie zur Konstitutionskategorie: Ethnisch heterogene Gruppen werden zu konstitutiven Elementen einer neuen Gesellschaft. Die Nation erlebt so eine Entwicklung vom Ethnos zum Demos, bestehend aus aktiven Subjekten mit eigenem Willen und Handlungsmacht, welche die gesamte Gesellschaft voranbringen.

Ein oft übersehener Punkt: Die Kategorie Ethnizität spielt eine Rolle in der Dekolonisierung, welche einen bedeutsamen Anteil an den aktuellen Fluchtbewegungen hat: In Folge der Dekolonisierung bildeten sich Nationalstaaten mit entsprechenden Institutionen, etwa für Bildung, aber auch Armeen. Bei der Herausbildung dieser Institutionen spielten allerdings vor-nationale Zusammenhänge eine große Rolle, woraus häufig enorme ethnische Spannungen mit hohem Gewaltpotenzial und in der Folge eine große Perspektivlosigkeit und Korruption innerhalb der Gesellschaft resultierten. Wo kein normales gesellschaftliches Leben möglich ist, setzen sich Migrationsbewegungen in Gang, insbesondere bei der besser gebildeten Bevölkerung. Daher ist die im öffentlichen Diskurs vielfach beschworene Bekämpfung der Fluchtursachen auch ein schwieriges Thema, denn mit Geld allein lässt sich in diesen hoch komplexen Problematiken nicht viel bewegen.

Für die Migrant_innen, ebenso wie für die Zielländer, ist die ethnische Geschichte wichtig: Wer wandert woher wohin und wie sieht die Aufnahmegesellschaft aus? Ist es möglich, dass Ethnizität zur konstitutiven Kategorie wird? Die Ethnoheterogenität ist eine der großen neuen Herausforderungen unserer Zeit und überfordert viele Menschen. So überrascht es kaum, dass Ethnizität zur Schlüsselkategorie für Populismus wird (frei nach dem Motto: »Ihr gehört nicht hierher – wir sind die größere Gruppe!«): Der »Ethnopopulismus ist ganz schwer im Kommen«, wie Herr Prof. Claussen feststellte. Auf diesen ebenso realitätsfernen und fiktiven wie gefährlichen Trend, der eigentlich nichts mit den realen Problemen zu tun hat, müssen wir gesellschaftliche Antworten finden. Es wäre wichtig, den Menschen mittels der Kategorie Ethnizität das Bereichernde diverser Kulturen vor Augen zu führen, denn wie auch in der Landwirtschaft erwächst aus Monokulturen letztlich nichts Gutes: »Am Ende ist da nur noch Wüste.«

(Tina Krohn)

(tk)