Anerkennung individueller Bildungsbiographien Neuzugewanderter – nachdenken, überdenken, umdenken

Isabel Sievers (Leibniz School of Education)

Wie kann das ›(bildungs-)biographische Gepäck‹ sichtbar gemacht werden?
Isabel Sievers im Vortrag

Am 10.04. startete die Vortragsreihe »mittwochs um vier« ins Sommersemester 2019. Dr. Isabel Sievers, Referentin für Diversity im Hochschulbüro für ChancenVielfalt und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Forschung an der Leibniz School of Education, warf gemeinsam mit den interessierten Teilnehmenden einen eingehenden Blick auf aktuelle Studien über die Bildungsbiographien Neuzugewanderter (also nicht nur Geflüchteter, sondern aller neu in die Bundesrepublik migrierter Menschen) und erörterte, welche Lehren wir aus diesen Studien ziehen können. Heutzutage boomt dieses Forschungsfeld und befasst sich mit einer großen Bandbreite von Themenbereichen, während es bis vor nicht allzu langer Zeit eher eine Randdisziplin war.

Der Vortrag von Frau Dr. Sievers gliederte sich grob in drei Teile. Im ersten Block stellte sie unter der Überschrift »Was wissen wir und was wissen wir nicht?« Daten, Zahlen und empirische Befunde aus den großen zentralen Studien der letzten Jahre vor. Vor dem Jahr 2016 hatte es derartige Studien in Deutschland noch nicht gegeben, hier schließt sich also erst neuerdings eine Forschungslücke. Gleichzeitig bedeutet dies auch, dass die Forschenden im Rahmen ihrer Erhebungen »learning by doing« betreiben und so die Studien Lerneffekte auf mehreren Ebenen ermöglichen.

Die vorgestellten Studien lassen eine große Bandbreite bei den Bildungsbiographien der Befragten erkennen, von gar keinem Schulbesuch bis hin zu abgeschlossenen beruflichen oder Hochschulausbildungen. Problematisch ist hierbei allerdings, dass nur die höchsten tatsächlich erreichten Abschlüsse erfasst wurden. Zudem sind die Ausbildungssysteme international häufig nicht wirklich vergleichbar und Zeitspannen sind speziell bei Menschen mit Fluchtgeschichte nur sehr schwierig zu erfassen.

So bleibt festzuhalten, dass die Fälle individuell sehr unterschiedlich und Verallgemeinerungen entsprechend schwierig sind. Generell zeigt sich die Tendenz, dass der Bildungserfolg stark von der Dauer der Krise im Herkunftsland abhängig ist: Je länger diese bereits andauert, desto geringer sind die Chancen auf Bildungserfolg. Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass die Motivation der Befragten mit zunehmendem Alter geringer wird. Etwa ab Mitte 20 bis 30 verschieben sich die Ambitionen auf die nächste Generation – die Kinder sollen es also später besser haben als man selbst.

Insgesamt lässt sich jedoch nur schwer erfassen, welche Kompetenzen die Menschen tatsächlich haben, denn gerade informell erworbene Kenntnisse und Fertigkeiten sind kaum zu erfassen – »Man kratzt sehr stark nur an der Oberfläche«, so Frau Dr. Sievers. Der Blick auf Abschlüsse allein bringt uns also nicht viel weiter, sondern muss erweitert werden und auch andere Aspekte der Bildungsbiographie in den Fokus nehmen.

Der zweite Teil des Vortrags befasste sich daher mit der Frage »Wie schauen wir auf Bildungsbiographien?« Erfahrungswissen ist nur schwierig zu erfassen, da man hierzu im Idealfall auch die Rahmenbedingungen kennen müsste, unter denen dieses Wissen erworben wurde. Es gibt vermehrt Programme, die versuchen, dies zu leisten, indem sie beispielsweise eine Plattform zum »Experimentieren« bieten, auf der Menschen verschiedene Berufe ausprobieren können. Diese Programme sind allerdings noch relativ jung, daher gibt es hier noch keine belastbaren Ergebnisse zu vermelden.

Generell lässt sich feststellen, dass Bilder von »Normalbiographien« (linear und in möglichst kurzer Zeit durchlaufen) nach wie vor weit verbreitet sind und Abweichungen von diesen als defizitär betrachtet werden – dass die Zufriedenheit dabei leicht auf der Strecke bleiben kann, steht freilich auf einem anderen Blatt. Langsam verbreitet sich diesbezüglich zwar ein Perspektivwechsel (in der Bildungsforschung hat der Paradigmenwechsel weg von »Elendsdiskurs« und starker Defizitorientierung hin zum Fokus auf Ressourcen, Potenziale und Kompetenzen um die Jahrtausendwende stattgefunden), doch die Defizitperspektive ist auch heute noch zu finden und speziell in Alltagsdiskursen herrschen nach wie vor sehr starre Vorstellungen vor.

Welche Konsequenzen für die Anerkennung individueller Bildungsbiographien können und müssen wir nun aus diesen Erkenntnissen ziehen? Mit dieser Frage beschäftigte sich Frau Dr. Sievers im letzten Teil ihres Vortrags. Erkennbar ist eine zunehmende Bedeutung von Verfahren zur Kompetenzfeststellung sowie von Teilanerkennungen und Qualifikationsanalysen. Bei der Weiterentwicklung der Anerkennungs- und Qualifikationsberatung müssen demnach auch individuelle Bildungsbiographien berücksichtigt werden, um den Menschen deren (Mit-)Gestaltung zu ermöglichen. Was wir also benötigen, ist eine »Anerkennung jenseits der klassischen Qualifizierung«, so Frau Dr. Sievers zusammenfassend.

Um dies zu ermöglichen, entstehen zunehmend Projekte, deren Fokus darauf liegt, die non-formal und informell erworbenen Kompetenzen von Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung zu ermitteln. Diese Projekte müssen ihren Teilnehmenden, abseits des Experimentierfelds, zusätzliche Beratungsmöglichkeiten und Formate bieten, um herauszufinden, was sie eigentlich können. Gleichzeitig müssen diese Erkenntnisse aufbereitet, sichtbar gemacht und dokumentiert werden. Dieser Prozess benötigt viel Zeit und ist sehr mühsam, es zeigen sich aber »erste Erfolgsspuren«. Insgesamt ist dieses Forschungsfeld allerdings noch ganz neu und belastbare Erkenntnisse lassen daher auf sich warten. Fest steht jedoch bereits jetzt: Eine große Hürde ist die notwendige Sprachkompetenz im Deutschen – um wirklich effektiv zu sein und die Situation der Menschen nachhaltig positiv zu beeinflussen, müssten die Projekte also eigentlich früher ansetzen, als sie es bislang tun.

(Tina Krohn)