Vortragsreihe im Sommersemester 2019

Das Sommersemester 2019 sah zum einen den ersten Sammelband der LeibnizWerkstatt mit 25 Beiträgen aus den bisherigen Vortragsreihen und zum anderen dreizehn neue Inputs für Sprach- und Migrationsinteressierte. 

ABSTRACTS DER VORTRÄGE

  • 10. April 2019 – Dr. Isabel Sievers (Leibniz School of Education)

    Anerkennung individueller Bildungsbiographien Neuzugewanderter – ein Perspektivwechsel

    Im Rahmen des Vortrags werden aktuelle Studien, Daten und Befunde zu Bildungs- und Berufsbiographien Neuzugewanderter vorgestellt. Dabei finden eine kritische Diskussion bestehender Vorstellungen und Bilder von Bildungsbiographien sowie eine Auseinandersetzung mit den (Un-)Möglichkeiten der Anerkennung individueller Bildungsbiographien statt.

    Zur Person

    Isabel Sievers ist Referentin für Diversity im Hochschulbüro für ChancenVielfalt an der Leibniz Universität sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Forschung an der Leibniz School of Education. Im SoSe 2018 hat sie eine Vertretungsprofessur an der Universität Bielefeld im Fach Migrationspädagogik wahrgenommen. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Bildungsprozesse in Zeiten veränderter Migrationsbewegungen, diversitätssensible und rassismuskritische Bildungsarbeit in der Migrationsgesellschaft sowie Umgang mit migrationsbedingter Diversität in verschiedenen Bildungskontexten.

  • 17. April 2019 – Prof. Dr. Andrea Daase (Universität Bremen)

    Zweitsprachaneignung – vermittelt über soziale Beziehungen über Kursgrenzen hinaus

    Lernenden-, Bedarfs- und Handlungsorientierung gelten als grundlegende didaktische Prinzipien guten (DaZ-)Unterrichts. Aber liegen wir mit unseren Annahmen, was dies bezüglich der einzelnen Individuen sowie ihrer Einbettung im Kontext von Migration und Integration bedeutet, wirklich immer so richtig? In dem Beitrag wird herausgearbeitet, dass solche Prinzipien häufig auf einem statischen Bild von Lernenden beruht, welche diese als autonom agierende, intentionale Wesen versteht und ihre soziohistorische und ‑biographische Situiertheit sowie die Eingebundenheit ihrer Handlungen in Tätigkeitssysteme ignoriert. Ausgehend von einem soziokulturell verorteten Blick auf Lernprozesse und veranschaulicht durch Daten aus sprachbiographischen narrativen Interviews wird gezeigt, dass die Aneignung der Zweitsprache Deutsch über soziale Beziehungen vermittelt wird und in Tätigkeitssystem eingebunden ist, welche weit über Kursgrenzen hinausreichen. 

    Zur Person

    Andrea Daase hat Deutsch als Fremdsprache, Spanien- und Lateinamerikastudien und Soziologie an der Universität Bielefeld sowie Sozialpädagogik an der FH Bielefeld studiert und – nach vielfältigen Berufserfahrungen als Lehrkraft in (berufsbezogenen) DaZ-Kursen sowie der Kurskoordination und -konzipierung bei einem Wohlfahrtsverband und in der Arbeitsverwaltung – an der Universität Bielefeld zu Sprachsozialisationserfahrungen in den Beruf promoviert. Im Sommersemester 2019 vertritt sie die Professur Deutsch als Zweitsprache/Deutsch als Fremdsprache an der Universität Bremen. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Mehrsprachigkeit und Deutsch als Zweitsprache im Kontext von Schule, Ausbildung und Beruf sowie Soziokulturelle Theorie der Zweitsprachenerwerbsforschung.

  • 24. April 2019 – Prof. Dr. Nadine Pieck (HS Magdeburg-Stendal)

    Gesundheitliche Chancengleichheit im Betrieb am Beispiel von Gender und Migration

    Für die Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit steht die Frage nach der systematischen Verteilung von Belastungen und Ressourcen auf verschiedene Gruppen im Fokus. Welche Mechanismen bei dieser Verteilung zum Tragen kommen, wird exemplarisch anhand der Erkenntnisse der Geschlechterverhältnisforschung und mit Bezug auf Migration erläutert. Diese Erkenntnisse werden mit den Handlungsanforderung an Akteur_innen des betrieblichen Gesundheitsmanagements verknüpft und Interventionsansätze aufgezeigt.

    Zur Person

    Nadine Pieck ist Direktorin des Instituts für Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Ihre Arbeit- und Forschungsschwerpunkte sind u. a. Gender und Diversity in der gesundheitsförderlichen Organisationsentwicklung sowie Gestaltung und Steuerung partizipativer Prozesse im betrieblichen Gesundheitsmanagement.

  • 08. Mai 2019 – Dr. Ibrahim Cindark (IDS, Mannheim)

    Geflüchtete in Integrationskursen und beruflichen Maßnahmen

    Im Vortrag werden erste Ergebnisse des IDS-Projekts »Deutsch im Beruf: Die sprachlich-kommunikative Integration von Flüchtlingen« präsentiert. Das Projekt untersucht zum einen in mehreren ethnographischen Feldstudien, wie der Prozess des Erwerbs der kommunikativen Kompetenzen verläuft, die für erfolgreiche fachliche Kommunikation im Beruf und die interpersonale Integration in Arbeitsteams erforderlich sind. Im Fokus der auf Videoaufnahmen basierenden Interaktionsanalysen steht die Frage, welche kommunikativen Praktiken das gegenseitige Verstehen unterstützen und welche sich eher nicht förderlich auswirken. Daneben untersucht das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut mit einer zweistufigen Sprachstandserhebung in den Integrationskursen die Sprachbiographien und Sprachlernfortschritte von Geflüchteten. Ziel dieser Untersuchung ist es, herauszufinden, wie gut sich die Teilnehmenden am Ende der Kurse beruflich selbst darstellen können. 

    Zur Person

    Ibrahim Cindark ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Deutsche Sprache. Seine Forschungsgebiete umfassen die  Interkulturelle Kommunikation, Migrationslinguistik, Mehrsprachigkeit, Ethnographie und die multimodale Gesprächsanalyse. 

  • 15. Mai 2019 – Dr. Annette Antoine (Deutsches Seminar)

    »Einheit in der Vielheit« – Leibniz und seine Impulse für heute

    Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz, Namenspatron unserer Universität, steht für das Prinzip »Einheit in der Vielheit«. Damit meinte er nicht nur die Verbindung der Disziplinen und Fächer untereinander, mit größtmöglichem Nutzen für die Allgemeinheit, sondern auch, dass anderen Kulturen auf Augenhöhe zu begegnen ist und dem gemeinsamen, vorurteilsfreien Austausch über sprachliche, nationale, religiöse und kulturelle Grenzen hinweg die Zukunft gehört. Insbesondere in schulischen Vermittlungszusammenhängen kann diese Haltung heute als vorbildhaft herausgearbeitet werden.

    Der Vortrag will sowohl Leibniz‘ konkrete Leistungen als auch die bleibende Ausstrahlungskraft seiner Ansätze und Person berücksichtigen und anschließend seine didaktische Anbindungsfähigkeit thematisieren.

    Zur Person

    Annette Antoine ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrkraft für besondere Aufgaben am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover, Abteilung Literaturwissenschaft. Ihre Arbeitsbereiche sind 17. und 18. Jahrhundert, und zwar Leibniz und seine Rezeption in Deutschland, Literatur des 18. Jahrhunderts, deutsche Spätaufklärung, Briefedition.

  • 22. Mai 2019 – Prof. Dr. Linda Chisholm (University of Johannesburg, South Africa)

    Migrant Children, Schools and Language in the Global South

    Much of the recent literature on migration in Africa has focused on the complex and coercive cosmopolitan strategies that emerge in newly-urbanised contexts with limited state infrastructure or integration strategies. Less attention has been paid to migrant children and their experiences and strategies of inclusion and exclusion. Focusing on South Africa, this presentation will show how the national compact achieved in 1994 created a set of language policies that, while inclusive of South African citizens, in practice exclude migrant children with different linguistic backgrounds. However, the resilience of migrant children in such contexts is also supported by research that demonstrates their achievement-orientation in poor contexts. This presentation will explore the multi-faceted educational and linguistic policies and practices related to migrant children in South Africa, developed at both official level and by migrant solidarity organisations.

    Zur Person

    Linda Chisholm is a Professor in the Centre for Education Rights and Transformation at the University of Johannesburg, South Africa. Her research has focused on the historical and comparative dimensions of education policy, curriculum and gender in South Africa.

  • 29. Mai 2019 – Prof. Dr. (em.) Detlev Claussen (Institut für Soziologie)

    Die ethnische Falle

    Wie in einem Brennglas hat die Causa Özil 2018 die Begriffsverwirrung in der deutschen Öffentlichkeit sichtbar gemacht, die aus der verspäteten Wahrnehmung einer ethnoheterogenen Gesellschaft gefolgt ist. Die wichtige Differenz von Ethnos und Demos ist auf der Suche nach Identität verschwunden. Das Stichwort »Multikultur« beschreibt nur oberflächlich die Veränderung der Beziehung von Kultur und Gesellschaft. Kultur wird ethnifiziert, ohne das synkretistische Potenzial einer diversen Gesellschaft erkennen zu lassen.

    Zur Person

    Detlev Claussen studierte an der Universität Frankfurt am Main, promovierte 1978 und habilitierte sich 1985 an der Universität Hannover. Nach seiner Lehrtätigkeit an den Universitäten Göttingen, Duisburg und Marburg hatte er seit 1994 den Lehrstuhl für Gesellschaftstheorie, Kultur- und Wissenschaftssoziologie am Institut für Soziologie der Universität Hannover inne. Von 1966 bis zu dessen Selbstauflösung 1970 war er Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), von 1973 bis 1990 Mitglied im Sozialistischen Büro und in der Redaktion der Zeitschrift links. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Antisemitismus, Xenophobie, Nationalismus, Rassismus, Migrationsbewegungen, Kultur- und Wissenschaftssoziologie, Gesellschaftstheorie und Psychoanalyse.

  • 05. Juni 2019 – Prof. Dr. Meher Bhoot (Universität Mumbai, Indien)

    Migration und Raumpraktiken: Heimat im Raum des Anderen oder in ›anderen Räumen‹?

    Die Präferenz der Postmoderne für Raum und Bewegung schlägt sich dank des Spatial Turns auch in der Literatur und Medien nieder. Sowohl das Phänomen der ›Gastarbeit‹ aus den 60er Jahren als auch die neue Bewegung der Flüchtlinge bringen unerwartete Auswirkungen in Relation zu Raum und Bewegung mit sich. Die neue Heimat im ›Raum des Anderen‹ endet meistens in den anderen Räumen. Andere Räume oder Begriffe wie »Transiträume«, »Nicht-Orte« (de Certeau), »Heterotopien« (Foucault), »imagined geographies« (Edward Said), »Thirdspace« (Edward Soja, Homi K. Bhabha) werden zu Momenten von Übergang und Bruch. Da diese Räume sowohl als Orte der Begegnungen mit dem Anderen als auch mit dem Selbst dienen, stellen sie die eigene Identität und Existenz in Frage. Hier ist der Versuch, mit besonderem Blick auf Foucaults Heterotopie, die verschiedenen Raumbegriffe nebeneinanderzustellen, um sich im Kontext der Grenzsituationen wie Migration und Flucht mit der Kategorie von individueller Identität auseinanderzusetzen. Als Beispiel dient der Film Auf der anderen Seite von Fatih Akin.

    Zur Person

    Meher Bhoot hat an der Universität Mumbai, Indien, Germanistik studiert und promoviert. Seit 2013 ist sie Associate Professor am Department of German der Universität Mumbai. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Deutsche Literatur der Minoritäten, Postcolonial Studies und Culture Studies. Im Rahmen der Germanistischen Institutspartnerschaft war sie 2017 Gastprofessorin an der Georg-August Universität Göttingen und derzeit an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. 

  • 12. Juni 2019 – Prof. Dr. Christian Widdascheck (ASH Berlin)

    Das Potenzial künstlerischer Arbeit für Menschen in Migration

    Ausgehend von einer inklusiven Perspektive auf Migration, von der aus betrachtet wir alle Migrant_innen sind, geht der Vortrag vor dem Hintergrund eines transkulturellen Paradigmas der Frage nach, wann Migration überhaupt zu einem Problem wird und welches spezifische Potenzial dann die begleitete künstlerische Arbeit für Menschen in Migration bietet? 

    Hintergrund des Vortrages bildet ein mehrjähriges qualitativ-empirisches Forschungsprojekt zur kunsttherapeutischen Arbeit mit Asylsuchenden, das in Kooperation mit dem ZIPP (Zentrum für Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie) an der Charité Campus Mitte und der KuB (Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant_innen e.V. ) in Berlin Kreuzberg durchgeführt wurde.

    Zur Person

    Christian Widdascheck ist Diplom-Kunsttherapeut und seit 2012 Professor für Ästhetische Bildung an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Er studierte freie Kunst, Wirtschaftswissenschaften und Kunsttherapie/-pädagogik an der Fachhochschule Ottersberg. Er arbeitet über 10 Jahre mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, mit Menschen in der Migration, unter anderem auch in Angola und Mozambique und gibt regelmäßig kunsttherapeutische Fortbildungen zum Themenfeld Migration und Transkulturalität.

  • 19. Juni 2019 – PD Dr. Nina Clara Tiesler (Institut für Soziologie)

    Zwischen Prestige und sozialer Isolation, Rampenlicht und Abseits: Migrationsbiographien internationaler Fußballspielerinnen

    Während der »Transfermarkt« im Männerfußball  medial präsent ist, weiß die Öffentlichkeit wenig über internationale Migration im Frauenfußball. Tatsächlich unterhalten nur wenige Länder Profiligen für Frauen. Mit der Konsequenz, dass hochqualifizierte Fußballerinnen aus gut 80% aller Länder ihr Heimatland verlassen müssen, wenn sie als Profi spielen wollen. Der Vortrag stellt die Migrationsrouten und -projekte dieser Frauen dar. Basierend auf den Interviews mit 49 mobilen Spielerinnen aus sieben verschiedenen Ländern werden die Beweggründe und Erfahrungen der Fußballerinnen, die meist einem Nationalkader angehören, beschrieben. Die Analyse deutet auf enorme Unterschiede je nach Herkunftsland, in denen sich soziale und globale Ungleichheiten spiegeln. Wie (er-)geht es den Frauen, die, zumeist um sich den Traum der Profi-Karriere erfüllen zu können, Grenzen überqueren? Wie erleben sie die Arbeit in einem anderen Land und welche gesellschaftlichen Erfahrungen machen sie fernab des Fußballfeldes?

    Zur Person

    Nina Clara Tiesler promovierte in Religionswissenschaft über Muslim_innen in Europa und Identitätspolitik (Hannover 2004) und war im Anschluss daran zehn Jahre am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lissabon in der empirischen (Feld-)Forschung tätig. Seit 2013 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Soziologische Theorie an der Leibniz Universität Hannover und habilitierte sich 2015 in der Soziologie und Kulturanthropologie mit einer Arbeit über die Entstehung von Ethnizität.

  • 26. Juni 2019 – Prof. Dr. Alisha Heinemann (Universität Bremen)

    Diskriminierungskritische Sprache - political correctness für Geeks oder relevantes Entwicklungsfeld für uns Alle?

    Diskriminierungskritische Sprache wird von den einen als Bedrohung und elitäre Abgrenzungspraxis wahrgenommen und  von anderen zur Absicherung der eigenen moralischen Überlegenheit genutzt. Die eigentliche Idee diskriminierungskritischer Sprache – nämlich weniger Gewalt zu reproduzieren – geht zwischen diesen beiden Extrempositionen allzu häufig verloren. Im Rahmen des Vortrags werden wir darüber nachdenken, was Sprache mit Gewalt zu tun hat, was mit dem Begriff ›diskriminierungskritisch‹ überhaupt gemeint ist und warum es wichtig ist, sich mit der verändernden und machtvollen Kraft von Sprache auseinanderzusetzen.

    Zur Person

    Alisha M. B. Heinemann vertritt aktuell die Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Bildungsinstitutionen, -verläufe und Migration an der Universität Bremen. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der kritischen Erwachsenenbildung, der postkolonialen Theorie sowie den Forschungsfeldern ›Deutsch als weitere Sprache‹ und der ›pädagogischen Professionalität in der Migrationsgesellschaft‹.

  • 03. Juli 2019 – Prof. Dr. Rolf Pohl (AG Politische Psychologie)

    Brauchen wir eigentlich »Identität«? Zur Sozialpsychologie eines politisch zweifelhaften und affektiv hochbesetzten Konstrukts

    Der Begriff »Identität« ist ein inflationär verbreitetes Modewort geworden. Sein Reiz liegt dabei in seiner Unbestimmtheit, die ihn letztlich gegen alles, was als nicht-identisch gilt einsetzbar macht. Vor allem in der Beschwörung einer kollektiven, also einer nationalen, kulturellen oder einer geschlechtlichen Identität wird diese Gefahr deutlich. Der Identitätsbegriff suggeriert dabei das Vorhandensein klarer Differenzen und eine wesensmäßige Einheit mit sich selbst beziehungsweise mit der eigenen Gruppe. Die ersehnte innerer Homogenität, Reinheit und Widerspruchsfreiheit kann aber nur durch die Ausgrenzung und Verfolgung derjenigen erreicht werden, die längst als nicht dazugehörig definiert und gerade deshalb als bedrohlich empfunden werden. Der Vortrag wird diesen Fallstricken des Identitäts-Begriffs aus einer sozialpsychologischen Perspektive nachgehen.

    Zur Person

    Rolf Pohl war Professor für Sozialpsychologie am Institut für Soziologie an der Leibniz Universität Hannover und befindet sich jetzt im Ruhestand. Er ist außerdem einer der Gründer und Koordinator_innen der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören im Bereich der Politischen Psychologie die Themen NS-Täter, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sowie im Bereich der Geschlechterforschung die Themen Männlichkeit, sexuelle Gewalt und männliche Adoleszenz.

  • 10. Juli 2019 – Prof. Dr. Shane Denson (Stanford University)

    Post-Cinematic Realism

    In its classical formulation, cinematic realism is based in the photographic ontology of film, i.e. in the photograph’s indexical relation to the world, which grants to film its unique purchase on reality; upon this relation also hinged, for many realist filmmakers, the political promise of realism. Digital media, meanwhile, are widely credited with disrupting indexicality and instituting an alternative ontology of the image, but does that mean that realism as a potentially political power of connection with the world is dead? If we consider the extent to which reality itself is shaped and mediated through digital media today, the question begins to seem strange. As will be demonstrated with reference to a variety of moving-image texts dealing with drone warfare, online terrorism recruitment, and computationally mediated affects, post-cinematic media might in fact be credited with a newly intensified political relevance through their institution of a new, post-cinematic realism.

    Zur Person

    Shane Denson is Assistant Professor of Film & Media Studies in the Department of Art & Art History at Stanford University. He is the author of Postnaturalism: Frankenstein, Film, and the Anthropotechnical Interface (2014) and co-editor of several collections, including Transnational Perspectives on Graphic Narratives (2013) and Post-Cinema: Theorizing 21st-Century Film (2016). His current book project, Discorrelated Images, is forthcoming with Duke University Press.

  • 17. Juli 2019 – Dr. Rafael Ugarte Chacón (Institut für Philosophie)

    »Theater für alle«? – Inklusion und Exklusion im Theater am Beispiel Gehörloser und Hörender

    In der Literatur zu Theater und Behinderung werden Menschen mit Behinderung zumeist als Akteurinnen und Akteure auf der Bühne betrachtet – als Objekte des Blicks von Menschen ohne Behinderung. Wenn hingegen Zuschauerinnen und Zuschauer mit Behinderung in den Fokus rücken, geschieht dies häufig aus einer »technokratischen« Perspektive: Wird Audiodeskription bereitgestellt? Gibt es Übertitel oder eine Verdolmetschung in Gebärdensprache? Diese accessibility tools zeigen nicht nur, dass das Theater im Allgemeinen ein überaus exklusiver Ort ist, sondern sie etablieren Zuschauerinnen und Zuschauer mit Behinderung auch als eine distinkte Gruppe von Menschen, die vermeintlich oder tatsächlich nicht in der Lage sind, einer regulären Aufführung zu folgen. Theater wird hier also nach wie vor als ein Ort für Menschen ohne Behinderung gedacht, der durch nachträgliche Anpassungen zeitweise für Menschen »mit besonderen Bedürfnissen« zugänglich gemacht wird.
    Ich vertrete die These, dass es für ein »Theater für alle« nicht ausreicht, nachträglich einen barrierefreien Zugang herzustellen. Vielmehr muss ein Theater, das Zuschauerinnen und Zuschauer mit und ohne Behinderung gleichermaßen ernst nimmt, neue Ästhetiken entwickeln, die die Wahrnehmungsmodi und kulturellen Hintergründe eines heterogenen Publikums von Anfang an berücksichtigen. Dieser These soll anhand von Beispielen aus dem Theater für Gehörlose und Hörende nachgegangen werden.

    Zur Person

    Rafael Ugarte Chacón ist Koordinator des philosophischen Graduiertenkollegs »Integrating Ethics and Epistemology of Scientific Research« (Leibniz Universität Hannover/Universität Bielefeld). Er promovierte am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin über Theateraufführungen, die sich gleichermaßen an Gehörlose und Hörende richten. Daneben arbeitete er als Regieassistent und Dramaturg in Theaterprojekten mit gehörlosen, schwerhörigen, hörenden und mehrfachbehinderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit und ohne Migrationshintergrund.