»Frauenfeindlich ist doch nur der fremde Mann, oder?« Über den Zusammenhang von Sexismus und Rassismus in der Mitte der Gesellschaft

Prof. Dr. Rolf Pohl (AG Politische Psychologie)

Der Mann ist ein Krisenzustand
Pohl im Vortrag

Prof. Dr. Rolf Pohl von der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie diskutierte am 23.05.2018 aus sozialpsychologischer Perspektive die Zusammenhänge von Sexismus und Rassismus, wobei er auf der Feststellung aufbaute, dass der Sexismus in Deutschland erst im Zusammenhang mit den Geschehnissen der Kölner Silvesternacht 2015 wieder verstärkt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückte – was schon viel früher und längst nicht nur mit Bezug auf Migranten hätte geschehen müssen.

»Männerrechtliche« und auch rechtspopulistische Kreise argumentieren in diesem Zusammenhang für die Notwendigkeit einer »männlichen Wehrhaftigkeit zum Schutz deutscher Frauen« und demonstrieren eine Fixierung von Fremdenfeindlichkeit auf sexuelle Themen in Verbindung mit massiven Überschneidungen von Rassismus und Sexismus. Deutsche Männer fühlen sich nach dieser Logik gedemütigt, weil sie »ihre Frauen« nicht schützen konnten. Allerdings seien die Frauen auch ein Stück weit selbst schuld daran, Opfer geworden zu sein, da die Männer durch den Feminismus geschwächt worden seien.

Das hier zutage tretende Narrativ »schwarzer Mann vergewaltigt weiße Frau« ist durchaus nicht neu, sondern findet sich in der Geschichte immer wieder. Man kann ihm drei Kernbotschaften entnehmen: 1. Das koloniale Phantasma des sexuell potenten Schwarzen ist in entsprechenden Kreisen nach wie vor vorhanden und löst einen Neidkomplex aus. 2. Hinzu kommt weiterer Neid auf die »Fremden«, denen es viel besser gelungen sei, die Unterwerfung ihrer Frauen aufrechtzuerhalten. 3. Die ikonographische Darstellung im Zusammenhang mit der Medienberichterstattung über die Geschehnisse (man erinnere sich an schwarze Hände, die nackte weiße Frauenkörper begrapschen) zeigt, dass die sexualisierte, wenn nicht gar pornographisierte, Darstellung der weißen Frau hier durchaus möglich ist.

Anschließend an diese einleitenden Ausführungen warf der Vortrag ein Schlaglicht auf verbreitete Diskurse aus den Reihen der Männer- und Väterrechtler und »Maskulisten«. Grundannahme dieses – geschichtsblinden und kritikunfähigen – Propagandafeldzugs gegen Feminismus und »Genderismus« ist eine durch die Erstarkung der Frau ausgelöste Krise der Männlichkeit: Der Mann, ehedem Schöpfer der Kultur, werde heute als universelles Tätergeschlecht, ja als das Böse schlechthin dargestellt, daher befinde er sich in der Krise, ihm drohe das Aus. Männer seien somit die wahren Opfer, Gewalt gegen Frauen eine präventive Schutzmaßnahme gegen das »feministische Kartell« (Mütter, Kindergärten, Schulen etc.), das mangels Vorbildern verhindere, dass sich stabile männliche Identitäten ausbilden könnten. So diene Gewalt zur Sanierung der beschädigten Männlichkeit, zur Befreiung aus dem »Frauenkäfig«, der den Männern vorenthalte, was ihnen qua Natur zustehe (nämlich Macht und Sex). Die Liste ließe sich beliebig verlängern, die Grundargumentation bleibt aber letztlich immer gleich. All diese unseriösen, häufig pseudo-wissenschaftlichen Konstrukte weisen viele Berührungspunkte mit populistischen und rechtsradikalen Diskursen auf, wobei eine entscheidende Grundannahme allen gemein ist: die Vorherrschaft des Mannes als Strukturmerkmal.

Allerdings ist die Männlichkeit ein fragiles soziales Konstrukt. Der Vortrag thematisierte daher im nächsten Schritt die Konstruktion von Männlichkeit in männlich dominierten Gesellschaften. In diesen ist größtenteils die männliche Hegemonie bestimmend. Die normative Dominanz des Männlichen verursacht eine auf Ungleichheit basierende, hierarchische Kultur, die – trotz aller Fortschritte – im Kern auch in modernen Gesellschaften unangetastet bleibt. So findet sich leider häufig nur eine rhetorische Modernisierung, während das Männliche als dem Weiblichen überlegene Norm sowohl kulturell als auch subjektiv tief verankert bleibt. In diesem Zusammenhang stehen die Männer unter dem Druck, die eigene Überlegenheit dazustellen, was die Männlichkeit fragil und krisenanfällig macht und sie dazu verführt, ihre Dominanz durch Abwertung (der Frau) zu sichern.

Im Zentrum des Konstrukts steht also eine intakte und autonome, gleichzeitig aber stets bedrohte Männlichkeit: Sein sexuelles Begehren macht den Mann (jedenfalls den »normalen« Mann, wir befinden uns hier in einem strikt heteronormativen Weltbild) abhängig von der Frau. Diese Kombination aus Autonomiedruck und Abhängigkeitsangst kann im Krisenfall zu Gewalt führen – der Mann »bestraft« die Frau für sein eigenes Verlangen. So sind Feindseligkeit und Gewaltbereitschaft letztlich in die Lust bereits eingelagert, gekoppelt mit der (unbewussten) Annahme, Frauen als »das Fremde« würden »das Eigene« gefährden.

Ganz ähnliche Muster finden sich auch im Falle der aktuellen Fremdenfeindlichkeit, wie der Vortrag im abschließenden Abschnitt zu Sexismus und Rassismus verdeutlicht. Beim Mechanismus der Projektion werden persönliche und soziale Ängste, etwa vor Schwäche, Kontrollverlust oder sozialem Abstieg, vom Ich abgespalten, isoliert, unterdrückt  und auf ein als bedrohlich empfundenes »Fremdes« übertragen – und teils in Gewalt umgewandelt. Sowohl das Bild von Fremden als auch das von Frauen entsteht hierbei gerade nicht im Kontakt. Die durch die unbewussten Abwehrmechanismen ausgelöste empfundene Notwehrsituation verstärkt sich noch, wenn man sich einer bestimmten Gruppe oder »Volksgemeinschaft« zugehörig fühlt. Die »Schicksalsgemeinschaft« ermöglicht dem Individuum dann eine identitätssichernde Wehrhaftigkeit. Ein Gegenüberstellen und Abgrenzen von »uns« und »denen« macht hierbei eine Auseinandersetzung mit Sexismus in der eigenen Mehrheitsgesellschaft hinfällig: »Nicht wir sind sexistisch, es sind die Muslime!« Der »Schutz« der deutschen Frau wird in diesem Zusammenhang als Aufsicht und Kontrolle verstanden und stärkt den männlichen Herrschaftsanspruch. So gewährt er Überlegenheit über Frauen und fremde Männer zugleich.

Dass Frauenrechte erst ins Blickfeld rückten, als es gegen »die bösen Fremden« ging, als es also der eigenen kulturrassistischen Agenda nützte, zeigt, wie heuchlerisch diese Anknüpfungen sind – in Wahrheit war die »rape culture« schon immer hier. In letzter Konsequenz macht also die rassistische Ablenkung von der notwendigen Auseinandersetzung mit dem Eigenen die Frauen zum zweiten Mal zum Opfer.

(Tina Krohn)