Das Allgemeine können. Migrationspädagogische Professionalität

Prof. Dr. Paul Mecheril (Center for Migration, Education and Cultural Studies, Universität Oldenburg)

Die Entdeckung der migrationsgesellschaftlichen Realität im 21. Jahrhundert  
Mecheril im Vortrag

Am 13.06.2018 befasste sich Prof. Dr. Paul Mecheril vom Center for Migration, Education and Cultural Studies der Universität Oldenburg mit dem Themenkomplex von Pädagogik und Bildung unter den Bedingungen der Migrationsgesellschaft. Erst seit die Migrationstatsache Anfang des 21. Jahrhunderts ins politische Narrativ aufgenommen wurde, wird Migration in Wissenschaft und Öffentlichkeit gebührend bearbeitet. Allerdings ist diese Bearbeitung, insb. auch von pädagogischer und politischer Seite, häufig von einer Betonung des Besonderen, also von Differenzen, gekennzeichnet, über die leicht das Allgemeine aus dem Blick geraten kann. In diesen Diskursen findet eine doppelte Konstruktion von Gruppen statt: Auf der einen Seite »die Migrant_innen« als grundsätzlich defizitär imaginiertes Kollektiv, das sich den Gegebenheiten anzupassen habe – und auf der anderen Seite die professionellen Subjekte, die i. d. R. als nicht-migrantisch konzipiert werden. Zugespitzt: »Was brauchen wir nicht-migrantischen Wesen, um mit diesen besonderen Paradiesvögeln umzugehen?« In diesem Zusammenhang wäre es wichtig, eine Reflexion darauf zu institutionalisieren, wer als legitimes Handlungssubjekt gilt.

Der Begriff des Migrationshintergrunds ist für Herrn Prof. Mecheril nicht überzeugend. Wichtig wäre, die Positioniertheit der Einzelnen in Bezug auf die Migrationsgesellschaft herauszustellen. Dies ist aber nicht mit der Kategorie Migrationshintergrund erfassbar. Zudem sei stets zu hinterfragen, wofür derartige Kategorien überhaupt benötigt werden. Allerdings ist das diskursiv konstruierte Konzept des Migrationshintergrunds in vielen Bereichen der Alltagswelt und der Politik in der Tat relevant, da es als relevant erachtet und behandelt wird. So ist der Migrationshintergrund etwa für Jugendliche heutzutage ein selbstverständliches Zuschreibungsmerkmal.

Aus dieser Form der Relevanz erklärt sich, dass eine sog. »Andere-Forschung« legitim ist, wenn sie sich mit bestimmten Fragen beschäftigt: 1. Was sind die Konsequenzen von und die Bedingungen für die Konstruktion von »Anderen«? 2. Wie lernen Kinder, dass sie »Andere« sind? Die Kategorie ist zwar konstruiert, aber dennoch hoch wirksam; auch in anderen Bereichen wie etwa beim Geschlecht. 3. Wie lernen »Nicht-Andere«, dass sie »Nicht-Andere« sind? Wie wird also »Normalität« erzeugt? 4. Unter welchen Bedingungen wären wir pädagogisch auf diese Unterscheidung nicht angewiesen? Wir müssten Differenz positiv berücksichtigen, ohne sie von vornherein festzuschreiben – und genau das ist das Allgemeine können.

Dass heutzutage so viel über Migration gesprochen wird, ist zweifelsohne zu begrüßen. Die Auseinandersetzung ist wichtig, da die Migrationsgesellschaft konstitutiv für die Realität ist. Allerdings ist das Sprechen über Migration nicht unproblematisch, da sich häufig auf die Themenbereiche Migration und IntegrationMigration und Kultur und den Migrationshintergrund konzentriert wird. So wird die Migrationsgesellschaft zu einem Ort, an dem intensiv um gesellschaftliche Ordnung gerungen wird, wobei die propagierte »Ordnung« rassismuskritisch gut erkennbar ist: Im Begriff des Migrationshintergrunds ist implizit der Imperativ »Die haben sich anzupassen!« eingeschrieben. Integration zeigt sich im öffentlichen Diskurs als »Chiffre für das Gute«. Wenn aber das Integriertsein als der wünschenswerte Status gilt, werden »Andere« hergestellt, die als defizitär, bestenfalls »unserer« Hilfe, schlimmstenfalls der Kontrolle bedürftig dargestellt werden. Gleichzeitig wird »die andere Seite« als fraglos integriert definiert. Hier zeigt sich das Wesen des Rassismus: Es ist nicht der Hass gegenüber wie auch immer definierten »Anderen«, sondern sich selbst in Abgrenzung zu diesen zu definieren, oder, in Prof. Mecherils Worten, »In der Infragestellung des Integriertseins der Anderen spiegelt sich unser Integriertsein.«

Wieso ist die Verknüpfung von Migration und Kultur und so problematisch? Zunächst muss man sich fragen, welche Differenzen eigentlich relevant sind. Im Alltag sind es häufig gerade die kleinen Unterschiede, die eine große Wirkung entwickeln können. Zudem wird im öffentlichen Diskurs i. d. R. unterstellt, interkulturelle Kompetenz sei nur in Verbindung mit der Kategorie Migrationshintergrund relevant. Dass Gesellschaften aber viele unterschiedliche »Kulturen« (etwa »hardcore vegan queer« vs. »Banker«) in sich vereinen, wird ausgeblendet. Interkulturelle Kompetenz wird daher häufig aus einer rein »weißen« Perspektive heraus gesehen, was schnell rassistische Züge annehmen kann.

Rassismus dient als moderne Herrschaftslegitimation, ursprünglich entstanden im Kontext des Kolonialismus, aufbauend auf dem »Register der Vernunft«. Die Katalogisierung und Hierarchisierung auf Grundlage der Kategorie »Race« setzte den weißen Europäer an die Spitze. Dieses Denken war in Europa lange nicht öffentlich sagbar und ist es auch heute (noch?) nicht – das heißt aber nicht, dass das Rassedenken verschwunden wäre. Wir haben es heute mit einem kontextspezifischen, differenzialistischen Neo- oder Kulturrassismus zu tun, der ebenso wie der »klassische« Rassismus ein Exklusion und Schlechterstellung legitimierendes Ordnungssystem darstellt.

Und wie sollte nun Bildung im Kontext der Migrationsgesellschaft aussehen? Die Migrationspädagogik befasst sich mit Zugehörigkeitsordnungen, wie diese produziert werden und welchen Beitrag welche Akteure dazu leisten. Eine Auseinandersetzung mit diesen Komplexen wäre eine wünschenswerte Aufgabe für die Bildung. Mit »Bildung« ist hierbei mehr als nur Aneignung von Wissen und Kompetenzen gemeint, nämlich ein umfassendes Welt- und Selbstverständnis, vergleichbar der Bildungstheorie des Erziehungswissenschaftlers Wolfgang Klafki. Dieser definiert »Allgemeinbildung« auf dreierlei Weise: 1. Als Bildung für alle, 2. als allseitige Bildung, die auch den Körper, die Sinne, die Emotionen etc. mit einbezieht, und 3. als Bildung im Medium des Allgemeinen, also bezogen auf allgemeine Dinge, auf epochale Schlüsselprobleme. Ein zentrales Schlüsselproblem unserer Zeit ist ohne Zweifel die globale Ungleichheit und alles, was mit ihr zusammenhängt. Eine kleine Minderheit hat in diesem System einen guten Stand auf Kosten der großen Mehrheit. Wirklich »gebildet« ist in diesem Zusammenhang, wer diese Dinge an sich heranlässt und sich mit ihnen beschäftigt. Mehr Allgemeinbildung in diesem Verständnis, so Herr Prof. Mecheril abschließend, wäre auch und gerade für die Lehrer_innenbildung wünschenswert.

(Tina Krohn)