Migration im Globalen Süden - Migration within the South

Prof. Dr. Linda Chisholm (University of Johannesburg, South Africa)

To unite black and white you need another ›other‹.
Chisholm im Vortrag

Der Vortrag des 04.07.2018 stand im Zeichen eines im europäischen Diskurs bislang wenig beachteten Themas: Prof. Dr. Linda Chisholm von der Universität Johannesburg informierte uns über Migrationsbewegungen innerhalb Afrikas, primär mit dem Ziel Südafrika.

Ziel des Vortrags war es, den Interessierten einen breit angelegten Überblick über das Thema zu verschaffen. Unter der Überschrift »Migration Trends in Africa« präsentierte die Vortragende Zahlen und Fakten zur Thematik und diskutierte, inwieweit derlei Statistiken problematisch sein könnten. So gibt es etwa nur sehr wenig wirklich verlässliche Daten und auch die Motivation derjenigen, die einen Report herausgeben, sollte man hinterfragen. Die meisten Migrant_innen afrikanischer Herkunft, so lassen die Daten erkennen, migrieren und migrierten nicht in den Rest der Welt, sondern blieben innerhalb Afrikas – die Literatur interessiert sich aber viel mehr für jene, die den Kontinent verlassen.

Anschließend wurde Südafrikas Funktion als »migration hub« aus historischer Perspektive betrachtet. So gab es schon immer Migration nach Südafrika – vor, während und auch nach der Periode des Kolonialismus. Seit dem Ende der Apartheid Anfang der 1990er-Jahre lässt sich eine vermehrte Migration nach Südafrika verzeichnen; sowohl aus anderen Teilen Afrikas als auch aus dem Rest der Welt. Die Gründe, wieso Menschen nach Südafrika migrieren, ähneln denen, wieso sie nach Europa kommen: Hoffnungen, Träume und die Suche nach einem besseren Leben.

Das Regime ist Migrant_innen gegenüber positiv eingestellt und begegnet ihnen mit Offenheit – andere Erfahrungen machen sie mit der örtlichen (armen) Bevölkerung: Hier wird Migrant_innen mit Misstrauen, Ablehnung und sogar Gewalt begegnet – mit einer auch hierzulande gut bekannten Begründung: »Die nehmen uns die Jobs weg!« Besonders interessant ist hierbei, dass weniger eine generelle Fremdenfeindlichkeit vorherrscht, sondern insbesondere ein Phänomen, das Frau Prof. Chisholm als »Afrophobia« bezeichnete, also die Ablehnung speziell schwarzer Immigrant_innen, und insbesondere solcher, die der gleichen sozialen Schicht wie man selbst angehören. Diese, so die These, werden in Zeiten ökonomischer Unsicherheit als unmittelbare Bedrohung für das eigene Wohlergehen angesehen.

Hinzu kommen weitere sozialpsychologische Faktoren: Südafrika befindet sich noch in einem Prozess des Zusammenwachsens als Nation. Jetzt, wo die Spaltung zwischen Schwarz und Weiß theoretisch aufgehoben ist, wird zur Identitätsstiftung ein neues »Anderes« benötigt – hierfür müssen die afrikanischen Migrant_innen herhalten. Außerdem kann man annehmen, dass die lange Phase der Diskriminierung schwarzer Menschen in Südafrika dafür gesorgt hat, dass diese selbst die Belegung der Hautfarbe Schwarz mit negativen Assoziationen so weit verinnerlicht haben, dass sie diese jetzt auf die eingewanderten Schwarzen übertragen. Daher ist »Afrophobia« für die Verhältnisse in Südafrika ein besserer Begriff als »xenophobia«.

Und wie gehen die Migrant_innen selbst mit dieser Problematik um? Was bedeutet die Debatte für ihre Identität? Sie berichten von einer Art Wurzellosigkeit (»rootlessness«), einem Gefühl des Nichtdazugehörens. Sie sehen Südafrika als Transitstation, nicht als endgültiges Ziel, und bereiten sich auf eine Zukunft anderswo vor. Gleichzeitig grenzen sie sich bewusst von der einheimischen Bevölkerung ab, Annäherung oder Integration finden nicht statt.

Allerdings gibt es nicht nur Negatives zu berichten: Der Vortrag bekam eine hoffnungsvolle Wendung durch Beispiele für gelebte Toleranz und Integration. Und einen weiteren Faktor darf man nicht vergessen: Jene, die während der Apartheid ins Exil gingen und nach deren Ende zurückkehrten, bringen reiche kosmopolitische und transnationale Erfahrungen mit – dieser Teil der südafrikanischen Migrationsgeschichte muss noch erforscht werden.

Nach dem Vortrag wurde ausgiebig nachgefragt und diskutiert; unter anderem ging es um mögliche Gründe für den Mangel an verlässlichen Zahlen, die Unterschiede in der Wahrnehmung im akademischen Kontext (hier ist das Verhältnis viel positiver) und die frappierenden Parallelitäten zu den Debatten in Europa.

(Tina Krohn)