Inclusive Citizenship Education. Politische Bildung in der Migrationsgesellschaft

Prof. Dr. Dirk Lange (Institut für Didaktik der Demokratie)

Wie geht politische Bildung mit den Veränderungen in der Gesellschaft um?
Ausgangsfrage im Vortrag

Am 16.05.2018 gab uns Prof. Dr. Dirk Lange vom Institut für Didaktik der Demokratie eine Einführung in den Themenkomplex Migration und Bildung, damit zusammenhängende empirische Forschungsprojekte und die Forschungsperspektive Inclusive Citizenship Education.

Bei den verschiedenen Konzeptionen von Migration und Bildung lässt sich, obwohl sie teilweise auch parallel und in der Praxis häufig als Mischformen auftreten, eine Entwicklung erkennen: Auf die zwar gut gemeinte, aber defizitorientierte, auf Assimilation und Rückkehr ausgerichtete »Ausländerpädagogik« der 1970er-Jahre folgte in den 1980er-Jahren die Multikulturelle Bildung, die zwar die migrantischen Kulturen würdigte, diese aber als unveränderbar betrachtete, die Menschen in ihnen »gefangen nahm« und durch folkloristische Tendenzen Stereotype und Vorurteile beförderte – und leider bis heute in der Praxis vielfach zu finden ist. Einen wichtigen Schritt machte in den 1990er-Jahren die Interkulturelle Bildung, die Kultur nicht mehr statisch, sondern als ein in Gruppen geteiltes und dynamisches Deutungssystem wahrnahm, gleichberechtigte Beziehungen aufbauen und kulturbedingte Konflikte abbauen wollte. Problematisch ist an diesem Konzept jedoch die Grundannahme, dass alle Beteiligten stets an der Überwindung kulturellen Fehlverstehens interessiert wären – Konflikte beruhen aber nicht immer nur auf Fehlverstehen, sondern können auch im Interesse bestimmter Akteure liegen. Diesen Punkt greift die Antirassistische Bildung auf, die Rassismus als ein Herrschaftssystem begreift, das gesellschaftliche Ungleichheiten durch biologische oder kulturelle Ungleichheit legitimieren will. Lernende sollen dazu befähigt werden, diesen auf Ausgrenzung und Abwertung Anderer beruhenden Rassismus zu erkennen, zu analysieren und zu bekämpfen. Die Migrationspolitische Bildung schließlich ist weniger normativ orientiert als die anderen Modelle. Sie konzentriert sich auf subjektive Sinnbildungsprozesse von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in der Migrationsgesellschaft, befasst sich mit deren Konzepten und Vorstellungen. Von besonderem Interesse sind gesellschaftliche Aushandlungsprozesse und ein kritischer Umgang mit den eigenen Denkweisen. So können auch Grenzen ausgetestet und neue Konzepte entwickelt werden.

Im Anschluss an die historisch-theoretische Einführung stellte der Vortragende einige empirische Forschungsprojekte vor, über die angeregt diskutiert wurde. So ging es etwa um die Untersuchung von Repräsentationen der Migrationsgesellschaft in niedersächsischen Schulbüchern der sozialwissenschaftlichen Fächer. Hier tritt die Migrationsgesellschaft überraschenderweise relativ selten in Erscheinung – und wenn, dann häufig als »Gefangennahme in der Kultur« im Sinne des multikulturellen Konzepts. Zudem finden sich stereotype bis hin zu rassistischen Darstellungen und Migrant_innen werden in der Opferrolle dargestellt. Multiethnizität taucht auf, wenn sie »passend« erscheint (etwa in Form eines Fotos mit Kindern verschiedener Hautfarben in einem Kapitel über die verschiedenen Kontinente). Ethnizität im Alltag ist hingegen eine seltene Ausnahme in den untersuchten Schulbüchern. Eine weitere Studie erforschte die Wahrnehmung und Bewertung von Globalisierung durch Schülerinnen und Schüler. Entgegen der ursprünglichen Vermutung unterscheiden sich hier die grundlegen Konzepte von Lernenden auf dem Gymnasium und der Hauptschule nicht wesentlich. Für die Masse der Befragten spielt im Zusammenhang mit dem Thema Migration die Flucht eine zentrale Rolle, wobei sich eine empathische Grundhaltung und ein Verständnis für die Motive Geflüchteter feststellen lassen. An beiden Schulformen findet sich jedoch auch eine signifikante Gruppe, die davon ausgeht, dass es in Deutschland bzw. der EU zu viele Migrant_innen gebe. Eine Studie zu den Konzeptionen von Integration im Bürgerbewusstsein von Schüler_innen kam zu dem Schluss, dass das Konzept der Assimilation gut nachvollziehbar ist. Die vorherrschende Meinung versteht Integration als Anpassung; die Integrationsleistung müsse einseitig von den Migrierten erbracht werden. Ein hierzu passendes Bild zeigen auch die Studien zu Meinungen zum Rechtsextremismus und Alltagsvorstellungen über Menschenrechte: Häufig werden Migrant_innen als verantwortlich angesehen, die Gründe für die Probleme bei ihnen statt in der Mitte der Gesellschaft gesucht. Die Ergebnisse solcher Studien sind ein starker Indikator dafür, wo für die politische Bildung Handlungsbedarf besteht, wo sie »andocken« und wachrütteln muss.

Den Abschluss des Vortrags bildete ein Ausblick auf die Forschungsperspektive Inclusive Citizenship Education. Im Bereich »Inklusion« geht es um den gesellschaftlichen Umgang mit Differenz. Hier sind etwa das Verständnis von »Deutsch-Sein«, das Integrationsparadigma, der Umgang mit Nationalität, die Bereiche Pluralität und Kultur und die Dekonstruktion des »Fremden« von Bedeutung. Gedanklicher Ausgangspunkt der Beschäftigung mit Inklusion ist die Exklusion: Im Zentrum des Interesses stehen gesellschaftliche Machtstrukturen und Normalisierungsweisen. Im Bereich »Citizenship« geht es um die Herstellung von Gleichheit. Neben Staatsbürgerschaft als Statuszuschreibung sind auch Formen politischer Partizipation durch das Handeln, jenseits klassischer Repräsentationsformen wie Wahlen etc., in die Überlegungen einzubeziehen. Citizenship ist nach diesem Verständnis ein ständig umkämpfter Status – die Bildung hat die Thematisierung dieser Auseinandersetzungen um »offene Felder der Gesellschaft« zur Aufgabe. So geht es der Inclusive Citizenship Education letztlich um ein Lernen über Mechanismen des Ausschlusses, wobei sich auf die Themenbereiche Teilhabe (an Ressourcen), Diversität vs. Normalisierung sowie Partizipation und Macht konzentriert wird.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass Migration heutzutage ein nicht zu leugnendes Strukturmerkmal der Gesellschaft ist, wobei sich ein Wandel verzeichnen lässt: Die «weiße Unterklasse« scheint zunehmend zu verschwinden und durch eine migrantisch geprägte Unterschicht ersetzt zu werden. Dies ist zu reflektieren; die politische Bildung muss uns zum Umgang mit derlei Thematiken befähigen, unsere Grundwerte thematisieren und ggf. auch aktualisieren.

(Tina Krohn)