Einführung in die Vortragsreihe. Zur diskriminierungssensiblen Pädagogik der Mehrsprachigkeit. Erste Überlegungen

Radhika Natarajan (Projekt LeibnizWerkstatt)

Diskriminierungssensibilität durch Selbstwahrnehmung

Am 25.04.2018 startete die Vortragsreihe »mittwochs um vier« mit einem interaktiven Beitrag von Radhika Natarajan, Verantwortliche für Konzeption und Umsetzung des Projekts LeibnizWerkstatt und Germanistin mit den Schwerpunkten Migration, Mehrsprachigkeit und Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, ins Sommersemester. Gemeinsam mit den Teilnehmenden stellte sie – nach einer allgemeinen Einführung in Projekt und Vortragsreihe – erste Überlegungen zu einer diskriminierungssensiblen Pädagogik der Mehrsprachigkeit an.

Zunächst befassten wir uns mit der Frage, was »Sprache, Migration und Vielfalt« eigentlich sein kann. Bezogen auf Migration kann man zumindest zwischen freiwilligen Formen wie Arbeits- oder Bildungsmigration auf der einen, sowie Flucht- und Zwangsmigration auf der anderen Seite unterscheiden. Hinzu kommt die Migration aus familiären Gründen, wenn man etwa migrierende Familienmitglieder begleitet oder ihnen nachfolgt. Vielfalt meint die unterschiedlichsten Differenzlinien, wie etwa Alter, Geschlecht, Herkunft, Bildungsstand, Sexualität und vieles mehr, die in ihren Überschneidungen und Wechselwirkungen ebenso Privilegierung wie Diskriminierung zur Folge haben können. Schließlich stellten wir uns noch die Frage, was man mit Sprache alles machen kann. Die in diesem Zusammenhang gesammelten Tätigkeiten gingen über die vier Fertigkeiten (hören, sprechen, lesen, schreiben) weit hinaus und umfassten so verschiedene Dinge wie lernen, dichten, kommunizieren, provozieren, Macht ausüben und vieles, vieles mehr.

Anschließend reflektierten wir, aufbauend auf einer »sprachbezogenen Vorstellung« der Vortragenden, über unsere eigene Sprachbiographie, wobei wir zu dem Schluss kamen, dass niemand – auch nicht diejenigen, die sich wie selbstverständlich als »einsprachig Deutsch« verstehen – wirklich einsprachig ist. Wir alle beherrschen, wenngleich in verschiedenem Umfang, verschiedene Sprachen oder auch Dialekte; sei es nun, dass wir bilingual aufgewachsen sind, Fremdsprachen gelernt haben, Zeit im Ausland verbracht haben oder auch einfach nur andere Mundarten verstehen können, ohne sie selbst zu sprechen. Nach diesem weiter gefassten Verständnis ist jede_r mehrsprachig.

Voraussetzung für einen offenen Umgang mit sprachlicher Vielfalt und für eine Pädagogik der Mehrsprachigkeit dürfte also sein, zunächst die eigene Mehrsprachigkeit bewusst wahrzunehmen und zu reflektieren und auf dieser Grundlage die Mehrsprachigkeit (und ggf. auch Mehrschriftlichkeit) anderer anzuerkennen. Dies wäre die Basis, um eine Entwicklung weg vom in Schule und Gesellschaft bislang vorherrschenden monolingualen, hin zu einem multilingualen Habitus zu befördern, dessen Devise wäre: »Ja, Zugang zu Deutsch, aber nicht unter Ausschluss der anderen vorhandenen Sprachen!« Denn obgleich die Mehrheitssprache natürlich wichtiger Bestandteil von Teilhabe und Zugang zur Mehrheitsgesellschaft ist, darf dabei nicht die für die Menschen ebenfalls bedeutsame Rolle ihrer bisher angeeigneten Sprachen vergessen werden.

Abschließend wurde über die Rolle der Schulen in diesem Themenkomplex diskutiert – einerseits über Sprachfeststellungen als »Weg in die richtige Richtung«, andererseits über die Problematik einer möglichen Hierarchisierung und eines Aufbaus von (unterschiedlicher) Wertigkeit seitens der Schulen für einzelne Sprachen.

(Tina Krohn)