Vortragsreihe zu Sprache, Migration und Vielfalt

Mit dem Bezug auf die Migrationsgesellschaft in ihrer tatsächlichen Sprachenvielfalt und mit einem historischen Rückgriff auf Deutsch als Sprache der Ausgereisten und der Geflüchteten ruft die LeibnizWerkstatt die Geschichtlichkeit mitgenommener Sprachen ins Gedächtnis. Im Sommersemester 2018 tauschten sich Engagierte und Vortragende in elf verschiedenen Inputs aus.

THEMENVIELFALT

Poster Sommer 2018
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Die Vortragsreihe »mittwochs um vier« weist darauf hin, dass die deutsche Sprache zugleich hierzulande für Menschen mit Zuwanderungs- und Fluchtgeschichte als Zweitsprache und ehemals als Familiensprache der Ausgewanderten und jüdischer Flüchtlinge fungiert(e), und sensibilisiert für die emotionale Bedeutung von Sprachen.

Im Sommersemester 2018 wurden Vortragende aus der Leibniz Universität Hannover, aus weiteren bundesrepublikanischen Universitäten sowie aus dem Ausland eingeladen. Allen gemeinsam war das Forschungsinteresse sowie die Praxisnähe bei den Schnittpunkten Sprachen und Migration aus historischer bzw. pädagogischer Perspektive.

Auf dieser Seite finden Sie die Abstracts und auf weiteren Seiten die Resümees. Mehrere Beiträge der Vortragsreihe befinden sich im 2019 erschienenen Sammelband »Sprache, Flucht, Migration«.

25.04.2018

Diskriminierungssensible Mehrsprachigkeit  
Radhika Natarajan (Projekt LeibnizWerkstatt)

Ziel dieser Einführung ist es, unser gemeinsames Verstehen von individueller, institutioneller und gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit auszuloten, die Konsequenzen für den pädagogischen Kontext zu erarbeiten und gemeinsam Überlegungen zu einer diskriminierungssensiblen Pädagogik der Mehrsprachigkeit anzustellen.

02.05.2018

Erfahrungen des Kindertransports 1938/39 
Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

Der Kindertransport nach Großbritannien 1938/39 war eine der beiden bedeutenden Auswanderungsaktionen für Kinder und Jugendliche aus dem ehemaligen Deutschen Reich und den bedrohten Nachbarländern. Sie erlebten dabei einen Wechsel von Sprache und Kultur, auf den sie oft nicht vorbereitet waren. Auf der Grundlage von narrativen Interviews soll diskutiert werden, ob und wie Zweisprachigkeit in dieser historischen Konstellation entwickelt werden konnte.

09.05.2018

Wem nützt Koreanisch-Amerikanische Literatur?
PD Dr. Kirsten Twelbeck (Universität Augsburg)

Was können wir in Deutschland durch das Lesen und Diskutieren »anderer« Texte lernen – über uns, über die »Anderen« und über die Problematik dieser Konstruktion? Mehr noch: Wie können wir – sowohl kognitiv als auch emotional – begreifen, dass das Fremde immer auch ein Eigenes ist? Dieser Vortrag ist ein Plädoyer für die Literatur, für das Lesen und für den unermesslichen Wert der Geisteswissenschaften.

16.05.2018

Inclusive Citizenship Education
Prof. Dr. Dirk Lange (Institut für Didaktik der Demokratie)

Aktuelle gesellschaftliche Veränderungen stellen die politische Bildung vor große Herausforderungen. Neben der Frage des Umgangs mit dem Thema Flucht und Migration gibt es auch Veränderungen in anderen Bereichen, wie etwa die Frage der gesellschaftlichen Teilhabe behinderter Menschen oder des Umgangs mit sozialer Ungleichheit. Die »Inclusive Citizenship Education« versucht, eine Perspektive für Forschung und Praxis der politischen Bildung zu entwickeln, um diesen Herausforderungen zu begegnen.

23.05.2018

»Frauenfeindlich ist doch nur der fremde Mann, oder?«
Prof. Dr. Rolf Pohl (AG Politische Psychologie)

Die Aufregung über die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16 in Köln ist heuchlerisch, solange der Sexismus in der deutschen Gesellschaft beschwichtigt, verharmlost und verleugnet wird. Insbesondere bei den selbsternannten Beschützern deutscher Frauen aus dem rechtspopulistischen und männerrechtlichen Spektrum lässt sich die enge Verbindung von Fremden- und Frauenfeindlichkeit sowie deren Verankerung in der sogenannten »Mitte« unserer nach wie vor männlich dominierten Gesellschaft aufzeigen.

30.05.2018

»Richtig gendern«
Prof. Dr. Gabriele Diewald (Deutsches Seminar)

Der kleine Ratgeber »Richtig gendern«, 2017 im Dudenverlag erschienen, hat heftige mediale Reaktionen ausgelöst. Das zeigt, dass es notwendig ist, über den Sinn und die Zielsetzung von gendergerechter Sprache öffentlich zu diskutieren. Daher befasst sich dieser Vortrag mit den linguistischen Aspekten gendergerechter Sprache und mit gesellschaftlichen Argumenten, die für ihre Anwendung sprechen.

06.06.2018

Integration durch Ausbildung und Beruf 
Prof. Dr. Julia Gillen (IfBE & Leibniz School of Education)

Die Integration von Geflüchteten in Ausbildung und Beruf über die Erstausbildung stellt ein zentrales Handlungsfeld der Berufsbildung dar. Inzwischen lassen sich in Forschung, Entwicklung und bei der Umsetzung von Programmen wesentliche Essentials herausarbeiten und zukünftige Herausforderungen benennen. Im Beitrag soll dies sowohl hinsichtlich der Subjektperspektive als auch in Bezug auf strukturelle Fragen des Ausbildungssystems erfolgen.

13.06.2018

Migrationspädagogische Professionalität
Prof. Dr. Paul Mecheril (CMC, Universität Oldenburg)

Migration ist ein grundlegendes Kennzeichen gesellschaftlicher Wirklichkeit. Die mit Migrationsphänomenen einhergehenden Wandlungsprozesse betreffen nicht allein spezifische Bereiche, sondern vielmehr Strukturen und Prozesse der Gesellschaft im Ganzen. Problembeschreibungen sind hierbei charakteristisch für das Verhältnis von Pädagogik und Migration. Pädagogisches Handeln und pädagogische Institutionen scheinen unter den Gesichtspunkten der Handlungsfähigkeit und der Legitimität durch die migrationsgesellschaftliche Wirklichkeit herausgefordert zu sein. Diese Herausforderungen stellen eine Reflexionschance auf das Allgemeine pädagogischen Handelns und pädagogischer Institutionen dar.

20.06.2018

Die begriffslose Gesellschaft 
Prof. Dr. (em.) Detlev Claussen (Institut für Soziologie)

Wir leben in einer Gesellschaft, die keinen Begriff von sich selber hat. Auf der Suche nach einem Fixpunkt im raschen gesellschaftlichen Wandel kam Mitte der siebziger Jahre der Ausdruck »Identität« in Mode, der individuelles und kollektives Selbstverständnis kennzeichnen sollte. Das emanzipatorische Stichwort verkehrte sich schnell. Identität wurde zu einem Bedeutungsträger des Ethnonationalismus. Auf diese Weise veränderten sich auch die gängigen Vorstellungen von Kultur und Nation – sie wurden unter der Hand ethnisiert.

04.07.2018

Migration im Globalen Süden 
Prof. Dr. Linda Chisholm (Universtät Johannesburg, Südafrika)

Current debates on refugees in Europe are dominated by discussions of migrations from the South to the North and tend to be instrumentally linked to European security concerns without adequate appreciation of the more significant migration dynamics in the South. South Africa has become the destination for millions of migrants and refugees from across the African continent. Despite its progressive legislation in conformity with international norms, South African society has extremely high levels of xenophobia that exploded violently in 2008. This presentation will sketch the broader context and tropes of migration in this southern context.

11.07.2018

Menschenrechte, »westliche Werte« und Geflüchtete
PD Dr. Eva Kalny (Institut für Didaktik der Demokratie)

Die Darstellung von Menschenrechten als Produkt westlicher Geschichte und Werte greift zu kurz: sie verschleiert die Rolle eben derselben westlichen Staaten an menschenverachtenden Praktiken sowie deren ideologische Legitimierung. Zudem leugnet sie die Tatsache, dass eine Vorstellung über die grundsätzliche Gleichwertigkeit aller Menschen in zahlreichen Traditionen und Religionen zu finden ist. An europäische Traditionen und Werte wird meist mit dem Gestus der Überlegenheit appelliert – ein Widerspruch zur Grundidee der Menschenrechte. In diesem Vortrag wird die einseitige eurozentrische Geschichtserzählung unter die Lupe genommen und schrittweise zurechtgerückt.