Religiöse Diversität als Gegenstand schulischen Unterrichts

Prof. Dr. Wanda Alberts (Institut für Theologie und Religionswissenschaft)

»Ist der Unterricht kritisch, objektiv und pluralistisch?«
Ausgangsfrage

Am 18.05.2017 befasste sich Prof. Dr. Wanda Alberts, Professorin für Religionswissenschaft und Didaktik im Fach Werte und Normen am Institut für Theologie und Religionswissenschaft, mit der Frage, auf welche Weisen im schulischen Unterricht über religiöse und weltanschauliche Vielfalt gelernt werden kann.

  • Einleitend stellte Frau Prof. Alberts das Fach Religionswissenschaft näher vor, das, in Abgrenzung zur Theologie, einen explizit säkularen, wissenschaftlichen Religionsbegriff verfolgt, und sich, aufbauend auf einem sozial- und kulturwissenschaftlichen Hintergrund, mit der Vielfalt religiöser Phänomene beschäftigt. 
  • Der Unterricht über Religionen lässt sich in Europa anhand von drei verschiedenen Modellen beschreiben: Im integrativen Religionsunterricht, wie er beispielsweise in Norwegen und Großbritannien praktiziert wird, lernen alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam über Religionen. Der separative Religionsunterricht hingegen, wie wir ihn z.B. hierzulande oder auch in Finnland finden, findet nach Konfessionen getrennt oder in Alternativfächern statt. Das Modell der Lerndimension schließlich, bekannt aus den Niederlanden, integriert das Lernen über Religion in die anderen Schulfächer. 
  • Im Anschluss an eine Übersicht über den Religionsunterricht in Deutschland, der sich – bis auf einige wenige Ausnahmen – auf konfessionellen Religionsunterricht und Ersatzfächer aufteilt, folgte eine Übersicht über die historische Entwicklung des Religions(kunde)unterrichts in Schweden, das die längste Geschichte eines integrativen Unterrichts aufweisen kann. 
  • Im Gegensatz zu Schweden ist Norwegen konservativer und religiöser geprägt, was sich auch in der sehr bewegten Geschichte des dortigen integrativen Religionsunterrichts widerspiegelt. Hauptkritikpunkt an diesem dem Anspruch nach religionskundlichen Unterricht war dabei stets ein unzulässiger Fokus aufs Christentum und eine verkürzte Aufteilung in »Christentum« und »die Anderen« – Probleme, an denen sich letztlich auch trotz Verurteilung durch das Menschenrechtskomitee der UN und durch den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof und nach mehrfacher Überarbeitung nicht wirklich viel geändert hat.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass jedes Modell des Unterrichts seine eigenen Stärken und Schwächen, Probleme und Konflikte besitzt, und dass das »perfekte« Modell noch erfunden werden muss.

Im Anschluss an den Vortrag ging es unter anderem um die Frage, ob Religion überhaupt einen Platz in der Schule haben sollte, und um die oft sehr große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, beispielsweise in Form von praktisch nicht vorhandenen religionskundlichen Anteilen im »Werte und Normen«-Unterricht, oder auch repräsentiert durch die Unmöglichkeit an manchen Schulen, selbiges Fach als Prüfungsfach im Abitur zu wählen, obwohl es eigentlich angeboten werden müsste. 

(Tina Krohn)