Migration und Sprachkontakt am Beispiel kroatischstämmiger Sprecher_innen in Hannover

Prof. Dr. Marijana Kresić (Universität Zadar, Kroatien)

Irgendwie etwas Gemischtes. Ich bin weder ganz Kroatin, noch ganz Deutsche. Etwas Gemischtes.  
Interviewaussage

Am 12.04.2017 startete die Vortragsreihe »mittwochs um vier« mit einem sehr interessanten Beitrag von Prof. Dr. Marijana Kresić von der Universität Zadar, Kroatien, ins Sommersemester 2017. Frau Prof. Kresić berichtete von einem internationalen Projekt, welches Phänomene von Sprachkontakt bei Kroatischsprechenden in aller Welt untersucht, wobei sie selbst ihre Untersuchungen in Niedersachsen und hier insbesondere in Hannover durchgeführt hat. 

  • Auf eine Einführung über das Projekt und den Forschungshintergrund folgte ein Überblick über die Datengrundlage: Das vorgestellte Teilprojekt beschäftigte sich mit Migrant_innen kroatischer Herkunft der ersten bis dritten Generation. Von besonderem Interesse waren deren Sprachgebrauch, ihre Einstellungen der Sprache gegenüber, deren Bewahrung, Förderung und Erwerb, Kontakte zwischen verschiedenen Sprachen, Sprachbiografien sowie Identität in Migrationskontexten.
  • Mit dem Alter der Befragten sinkt auch der Stellenwert des Kroatischen zugunsten des Deutschen. Gleichzeitig nimmt auch die Kompetenz im Kroatischen ab und mehr Befragte identifizieren sich stärker mit Deutschland und der deutschen Sprache; insbesondere die Angehörigen der zweiten und dritten Generation fühlen sich gut in die deutsche Gesellschaft integriert und von ihr angenommen. Trotzdem bleibt die Herkunftssprache aber für alle Befragten relevant und ein wichtiger Teil der Identität.
  • Auf eine Auswahl von konkreten Beispielen aus dem Korpus folgte sodann ein Überblick über Sprachkontaktphänomene, die sich auf verschiedensten linguistischen Ebenen finden. Insbesondere sind sehr viele Wechsel und Mischungen von Sprachen und Varietäten zu verzeichnen. Hinzu kommen Transferprozesse von einer Sprache in die andere und kreative Wortneuschöpfungen.
  • Den Abschluss bildeten Überlegungen zu den Zusammenhängen von Sprachkontakt und Identität, wobei Frau Prof. Kresić zu dem (vorläufigen) Fazit kam, dass Identität ein flexibles Konstrukt ist, das sich je nach Kommunikationskontext neu konstituiert, wobei Sprache, Sprachkontakt und Sprachwechsel eine tragende Rolle spielen – auf der Gefühlsebene jedoch scheinen noch weitere Aspekte bedeutsam zu sein. An dieser Stelle herrscht noch weiterer Forschungsbedarf.

Im Anschluss an den Vortrag war wie immer Zeit für Fragen und Anmerkungen, es entstand ein lebhafter Austausch mit der Vortragenden und untereinander, z.B. über den Einfluss der Politik in den Herkunftsländern von Migrant_innen auf deren Selbsteinschätzung und ihren Erfolg bei der Integration.

(Tina Krohn)