Dinge als Gefährten. Die Bedeutung von Objekten und Erinnerungsgegenständen bei Flucht und Migration

Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien)

»In den Dingen steckt die Person«
Thüne im Vortrag

Am 26.04.2017 beschäftigte sich Prof. Dr. Eva-Maria Thüne, Sprachwissenschaftlerin von der Universität Bologna, mit der identitätswirksamen Funktion von Gegenständen im Kontext von Flucht und Migration. Der sehr interessante und zur Diskussion anregende Vortrag wurde durch viele Zitate, Fotos und Audioaufnahmen illustriert.

  • Die Grundlage der Forschung stellt das »Israel-Korpus« dar, das aus narrativen Interviews mit deutschsprachigen Juden der ersten und zweiten Generation besteht, die in den 1930er Jahren aus Deutschland und Österreich nach Israel ausgewandert waren. 
  • Objekte können sich von ihrer ursprünglichen Funktion ablösen und dadurch Wichtigkeit erlangen, dass sie uns an eine andere Zeit, einen anderen Ort oder uns selbst unter anderen Umständen erinnern. Solche »Erinnerungsobjekte« wählen wir selbst aus. Sie tragen Spuren von Erinnerungen in sich und bestimmen so unsere Identität (mit).
  • Typisch für narrative Interviews ist der Stil des »Illustrierens«. Hierbei wird ein allgemeines Problem anhand eines Beispiels thematisiert, wobei die Sprache allgemein und unkonkret bleibt. 
  • Im Falle der »Umwidmung« erhalten Gegenstände eine andere Funktion, wie z.B. der Container, in dem man seine Habseligkeiten transportiert hat und der nun in der neuen Heimat als Gartenhaus dient. So erhalten die Objekte einen neuen Sinn und oft auch einen besonderen ideellen Wert.
  • Eine weitere wichtige sprachliche Form in den Erzählungen der Migrierten sind Listen und Aufzählungen, die der Kategorisierung dienen und gleichzeitig auch rhythmische Elemente darstellen.
  • Die letzte Frage zielte auf das Verhältnis der zweiten Generation zu den Erinnerungsgegenständen ihrer Eltern ab. Damit auch die Nachkommen diese Dinge schätzen und für ihre Identität nutzen können, ist es wichtig, eine Auswahl zu treffen, die Gegenstände mit Inhalt zu beleben und ihnen so einen neuen Kontext zu geben.

Nach dem Vortrag entstand ein angeregter Austausch zwischen Teilnehmenden und Vortragender, u.a. zu gegenläufigen Bewegungen, wenn z.B. jemand gezielt alle Gegenstände und damit die Erinnerungen zurücklässt, zu »gewollter Leere« in Flüchtlings- und Obdachlosenunterkünften, wo keine persönlichen Gegenstände erlaubt sind, und zur Verknüpfung von Sprache, Gegenständen und Erinnerung.

(Tina Krohn)