»mittwochs um vier«

Als semesterübergreifendes Begleitprogramm bietet die LeibnizWerkstatt eine Veranstaltungsreihe zur Sprache, Migration und Vielfalt an. »mittwochs um vier« richtet sich an Sprach- und Migrationsinteressierte, an Studierende sowie an alle weiteren Interessierten innerhalb und außerhalb der Leibniz Universität Hannover.

VORTRAGSREIHE ZU SPRACHE, MIGRATION UND VIELFALT

Der Dreh- und Angelpunkt der LeibnizWerkstatt ist die deutsche Sprache. In unserer offenen Vortragsreihe »mittwochs um vier« nehmen wir die Vielzahl der Sprachen und die verschiedenen Wanderungsarten in der deutschen Gesellschaft als Ausgangspunkt. Die Vorträge stellen Verbindungen von Sprache mit anderen Schwerpunkten wie Fluchtmigration, Diskriminierung, Recht und Vielfalt her.

Dem migrationsbedingten sprachlichen Um- und Zugang sowie der kontinuierlichen gesellschaftlichen Herstellung von Differenzen nähern sich die wöchentlichen Vorträge kritisch, historisch und pädagogisch an. Indem mitgebrachte Sprachen und Schriften der Zwangsmigrierten mit der Umgebungssprache Deutsch und der lateinischen Schrift zusammengedacht werden, spricht sich die LeibnizWerkstatt für eine Pädagogik der Mehrsprachigkeit und Mehrschriftlichkeit aus.

ZIEL DER VERANSTALTUNG

Gewünscht ist eine Vernetzung und ein Austausch unter Erfahrenen und Einsatzwilligen, die sich für Neuzugewanderte engagieren, sich zur Schnittstelle Migration und Sprachen informieren wollen und einen mehrperspektivischen Zugang anstreben.

Mit ihrem Angebot will die Vortragsreihe »mittwochs um vier« für zweierlei sorgen:

  • Sprachen werden ausdrücklich in ihrer Vielzahl und Mehrschichtigkeit wahrgenommen,
  • der thematischen Angebotspalette liegt das Bewusstsein um Differenzziehung, potenziell daraus erfolgende Diskriminierung sowie (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit als Querschnitt zugrunde.

Wir freuen uns auf Studierende und Ehrenamtliche, die interessengeleitet der Vortragsreihe beiwohnen und sie mit Fragen und Diskussionslust bereichern.

Ort und Uhrzeit
  • Raum 103, Conti Hochhaus (Gebäude 1502), Königsworther Platz 1.
  • mittwochs 16:00 Uhr c. t.
  • Vorträge im Wintersemester 2019/20 durchgehend vom 23.10.2019 – 05.02.2020.
  • Alle sind herzlich eingeladen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
  • Poster der Vortragsreihe mit Terminen und Themen
  • Seite mit den Resümees WiSe 2019/20.

ABSTRACTS DER VORTRÄGE

Oktober & November 2019

  • 23. Oktober 2019 – Katrin Sass (Refugee Law Clinic Hannover e. V.)

    Zugang zum Recht für Geflüchtete in Griechenland und Deutschland: Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch einfordern!

    Überall auf der Welt werden Menschenrechte verletzt. Nur wer seine Rechte kennt, kann diese erkennen und etwaige Ansprüche durchsetzen. In Griechenland und Deutschland bieten deshalb sogenannte Refugee Law Clinics kostenlose Rechtsberatung für Geflüchtete an. Katrin Sass ist Teil dieser Bewegung und beleuchtet in ihrem Beitrag nicht nur rechtliche Aspekte, sondern berichtet ebenfalls über Lebensumstände, kulturelle Unterschiede und Herausforderungen in der Kommunikation während ihrer Beratungstätigkeit auf der griechischen Insel Chios und in Hannover.

    Zur Person

    Katrin Sass studierte Rechtswissenschaften in Hannover. Sie ist Mitgründerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Refugee Law Clinic Hannover sowie Vorstandsmitglied des Refugee Law Clinics Deutschland e. V. Zudem promoviert sie zur Passlosigkeit im Asylverfahren. Seit 2015 ist sie Teil der sogenannten RLC-Bewegung. Durch ihre Tätigkeit in den letzten vier Jahren hat sie nicht nur in Deutschland, sondern auch in Griechenland unzähligen Geflüchteten kostenlose Rechtsberatung zur Verfügung stellen können.

  • 30. Oktober 2019 – Prof. Dr. Rolf Pohl (AG Politische Psychologie)

    Brauchen wir eigentlich »Identität«? Zur Sozialpsychologie eines politisch zweifelhaften und affektiv hochbesetzten Konstrukts

    Der Begriff »Identität« ist ein inflationär verbreitetes Modewort geworden. Sein Reiz liegt dabei in seiner Unbestimmtheit, die ihn letztlich gegen alles, was als nicht-identisch gilt, einsetzbar macht. Vor allem in der Beschwörung einer kollektiven, also einer nationalen, kulturellen oder einer geschlechtlichen Identität wird diese Gefahr deutlich. Der Identitätsbegriff suggeriert dabei das Vorhandensein klarer Differenzen und eine wesensmäßige Einheit mit sich selbst beziehungsweise mit der eigenen Gruppe. Die ersehnte innere Homogenität, Reinheit und Widerspruchsfreiheit kann aber nur durch die Ausgrenzung und Verfolgung derjenigen erreicht werden, die längst als nicht dazugehörig definiert und gerade deshalb als bedrohlich empfunden werden. Der Vortrag wird diesen Fallstricken des Identitäts-Begriffs aus einer sozialpsychologischen Perspektive nachgehen.

    Zur Person

    Rolf Pohl war Professor für Sozialpsychologie am Institut für Soziologie an der Leibniz Universität Hannover und befindet sich jetzt im Ruhestand. Er ist außerdem einer der Gründer und Koordinator_innen der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören im Bereich der Politischen Psychologie die Themen NS-Täter, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sowie im Bereich der Geschlechterforschung die Themen Männlichkeit, sexuelle Gewalt und männliche Adoleszenz.

  • 06. November 2019 – Ketevan Zhorzholiani (Werkstatt Plus)

    Die Rolle der Schreibkompetenz im Kontext der aktuellen Zuwanderung

    Nach dem Sommer 2015 kamen mehr als eine Million Geflüchtete nach Deutschland, was die sprachliche Förderung von Migrierten erheblich veränderte. Die Maßnahmen wie Integrationskurse, die für die vor dem Sommer 2015 Migrierten konzipiert wurden, reichen nicht mehr aus. Vor allem aufgrund der hohen Zahl junger Zugewanderter mit ausgeprägten Bildungs- und Berufswünschen sind die Fördermöglichkeiten nur bis zum B1-Niveau nach dem GER nicht mehr erfolgversprechend. Diese Tatsache wurde bereits erkannt, und seit 2016 organisiert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Sprachkurse der berufsbezogenen Deutschsprachförderung (DeuFöV), die das Sprachniveau über die Integrationskurse hinaus fördern sollen.

    Als Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration in den Bildungs- und Arbeitsmarkt gelten unter anderem gut ausgebildete schriftsprachliche Kompetenzen, die im Rahmen von Integrationskursen nur unzureichend gefördert werden. Besonders die Schreibkompetenz sollte von Anfang an große Beachtung finden. Unter Berücksichtigung der heterogenen Voraussetzungen, die die Teilnehmenden mitbringen, sollte durch gezielte Vermittlung sowie Förderung der relevanten Teilkompetenzen schrittweise das Ziel zum selbstständigen und unbeschwerten Umgang mit der Schriftlichkeit erreicht werden.

    Zur Person

    Ketevan Zhorzholiani ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt LeibnizWerkstatt.

  • 13. November 2019 – Dr. Catharina Peeck-Ho (Universität Kiel)

    Citizenship zwischen Stadt und Nationalstaat: Die Aushandlung von Zugehörigkeit am Beispiel der Debatte um San Franciscos Status als ›Sanctuary City‹

    Citizenship, also die Möglichkeit, sich auf staatsbürgerliche Rechte zu berufen und gesellschaftlich teilzuhaben, ist in den USA heute ein stark umstrittenes Feld, das eng mit Fragen der Zugehörigkeit verknüpft wird. Die Versicherheitlichung von Migration ist dabei nichts Neues, dennoch wurden Stimmen, die die Themenfelder Sicherheit und Migration miteinander verbinden und letztere als Gefahr verstehen, mit der Präsidentschaft von Donald Trump gestärkt. Die Debatte um die sogenannten ›Sanctuary Cities‹, also Städte die den Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen explizit auch für Menschen ohne Papiere ermöglichen, reflektiert diese Entwicklungen und weist auf Konflikte zwischen lokaler Ebene und Nationalstaat hin. Am Beispiel der Stadt San Francisco werden diese Konflikte um Zugehörigkeit und öffentliche Sicherheit untersucht. Sie geben nicht nur Aufschluss über die Entwicklungen in den USA, sondern schaffen auch eine Grundlage für aktuelle Diskussionen um den Umgang mit Geflüchteten und Menschen ohne Papiere in Europa.

    Zur Person

    Catharina Peeck-Ho arbeitet derzeit im Bereich Gender & Diversity Studies an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich u. a. mit den Verbindungen von Citizenship und Zugehörigkeit vor dem Hintergrund aktueller Migrationsbewegungen. Weitere Schwerpunkte liegen in den Bereichen Gender Studies, Feministische Theorien, Sicherheitspolitik und Soziale Bewegungen.

  • 20. November 2019 – Dr. Anna Alexandra Wojciechowicz (Universität Potsdam)

    Erkämpfte Hochschulzugänge in der Migrationsgesellschaft – Studentinnenbiografien rassismuskritisch lesen

    Basierend auf einer biografieanalytischen Studie, in der weibliche Bildungsaufstiegsbiografien in der Migrationsgesellschaft rassismuskritisch gelesen wurden, möchte der Vortrag zum Nachdenken über die Frage einladen, wie Ausgrenzungserfahrungen, die sich im Rahmen der Ordnung migrationsgesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse vollziehen, sowohl im bildungsbezogenen Selbstbild ihre Spuren hinterlassen als auch das Handeln in bildungsbezogenen Räumen nachhaltig formen.

    Zur Person

    Anna Alexandra Wojciechowicz hat die Projektleitung des Refugee Teachers Program am Zentrum der Lehrerbildung und Bildungsforschung (ZeLB) der Universität Potsdam inne. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen u. a. Bildung, Institution, Zugänge zur Hochschule, Lehrer_innen-Bildung in der Migrationsgesellschaft, Biographieforschung und Rassismuskritik.

  • 27. November 2019 – Dr. Judith Böddeker (Universität Münster)

    Grammatikvermittlung im Alphabetisierungsunterricht

    Welche Bereiche an Grammatik sollten vermittelt werden? Nach welchen Prinzipien wird bei der Grammatikvermittlung vorgegangen? In dem Vortrag werden diese Aspekte unter Rücksichtnahme auf Autonomie und Handlungsorientierung besprochen. Zudem werden verschiedene Methoden und Übungstypen gezeigt, um gering literalisierten Personen Grammatik effektiv zu vermitteln.

    Zur Person

    Dr. Judith Böddeker studierte Deutsch als Fremdsprache, Englisch, Spanisch und Didaktik an der Universität Gießen und promovierte im Fach Deutsch als Fremdsprache an der Universität Marburg. Sie ist seit 2013 im Bereich der Alphabetisierung tätig und arbeitet aktuell im Projekt Alphalernberatung an der Universität Münster.

Dezember 2019 & Januar 2020

  • 04. Dezember 2019 – Prof. Dr. Paul Mecheril (Uni Bielefeld)

    Pädagogisches Können in der Migrationsgesellschaft

    ›Migration‹ ist ein grundlegendes Kennzeichen gesellschaftlicher Wirklichkeit. Schulpädagogisches Handeln und schulpädagogische Institutionen scheinen sowohl unter der Perspektive Handlungsfähigkeit als auch unter dem Gesichtspunkt Legitimität durch die migrationsgesellschaftliche Wirklichkeit grundlegend herausgefordert zu sein. Diese Herausforderung verstehe ich als eine Reflexionschance in Bezug auf das Allgemeine pädagogischen Handelns und pädagogischer Institutionen. Für eine Pädagogik der Migrationsgesellschaft, so könnte es vor diesem Hintergrund heißen,  reicht es sozusagen aus, das Allgemeine zu können. Worin dieses Allgemeine besteht, soll im Vortrag angesprochen werden. Hierbei spielt die Frage, was es wohl hieße in der Migrationsgesellschaft gebildet zu sein, keine unwesentliche Rolle.

    Zur Person

    Paul Mecheril ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Migration an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Zuvor war er als Universitätsprofessor an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (2011-2019) sowie der Universität Innsbruck (2008-2011) tätig.  Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Verhältnis von Zugehörigkeitsordnungen, Macht und Bildung.

  • 11. Dezember 2019 – Jonas Becker (Frankfurt) & Ann-Kathrin Arndt (Hannover)

    Differenzkonstruktionen im Kontext inklusiver Bildung

    In Folge der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen stellt Inklusion aktuell ein zentrales, kontrovers diskutiertes, Thema im Bildungsbereich dar. Diskussionen um Inklusion im schulischen Kontext kennzeichnet häufig eine Fokussierung auf Fragen der Platzierung von Schüler_innen mit sonderpädagogischem Förder- bzw. Unterstützungsbedarf innerhalb des Systems der ›Regelschule‹. Zugleich zielt, ausgehend von einem weiter gefassten Verständnis, Inklusion programmatisch auf schulische Entwicklungsprozesse bezogen auf die Anwesenheit, Akzeptanz, Partizipation und Lern- und Leistungsentwicklung aller Schüler_innen. Damit rücken grundlegende Fragen des ›Umgangs mit Verschiedenheit‹ in pädagogischen Kontexten in den Blick. 

    Vor diesem Hintergrund fokussieren wir auf Basis qualitativ-empirischer Daten aus verschiedenen Schulkontexten in der Sekundarstufe I, wie leistungsbezogene Differenz(en) konstruiert und bearbeitet werden. Hierbei ist ›Differenz‹ – z. B. bezogen auf Fähigkeiten und Leistungen – im schulischen Kontext nicht einfach gegeben, sondern wird u. a. in unterrichtlichen Interaktionen hergestellt und erscheint gleichzeitig verschränkt mit sozialen Differenzkategorien wie z. B. Gender.

    Zudem wird unter Bezugnahme auf die laufende Dissertation von Jonas Becker, in deren Rahmen biographisch-narrative Interviews mit Menschen mit Zwangsmigrationserfahrung geführt werden, die Frage gestellt, welche Perspektiven die Frage nach leistungsbezogener Differenz als Heuristik für erziehungswissenschaftliche Forschung im Kontext von (Zwangs-)Migration eröffnen kann.

    Zu den Personen

    Jonas Becker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sonderpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind inklusive Lehrer_innenbildung sowie biographische Forschung im Kontext von Zwangsmigrationserfahrung aus einer psychoanalytisch-pädagogisch und tiefenhermeneutisch orientierten Perspektive.

    Ann-Kathrin Arndt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sonderpädagogik an der Leibniz Universität Hannover. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind inklusive Schul- und Unterrichtsentwicklung, (multi-)professionelle Kooperation und inklusive Lehrer_innenbildung.

  • 18. Dezember 2019 – Prof. Dr. Eva-Maria Thüne (Uni Bologna)

    Gerettet: Berichte von Kindertransport und Auswanderung nach Großbritannien. Eine Lesung

    Im Lesebuch »Gerettet: Berichte von Kindertransport und Auswanderung nach Großbritannien« sind die Stimmen von Menschen versammelt, die als Kinder oder Jugendliche in den 1930er-Jahren vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Großbritannien fliehen konnten. Die meisten von ihnen kamen in den Jahren 1938/39 mit »Kindertransport« aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei. Die Gesprächsausschnitte beruhen auf Interviews, die Eva-Maria Thüne im Jahr 2017 in Großbritannien mit ihnen zumeist auf Deutsch geführt hat. Die Fragen nach dem Sprachwechsel und den Erfahrungen in der neuen Kultur bildeten den Ausgangspunkt. Doch die Antworten gingen weit darüber hinaus: Es sind auch Erinnerungen an die Eltern, Beschreibungen der dramatischen Reise und Ankunft sowie Lebensberichte unter den Vorzeichen von Trauma und Rettung.

    Zur Person

    Eva-Maria Thüne ist Professorin für Deutsche Sprache und Sprachwissenschaft an der Universität Bologna, Italien. Ihre Forschungsinteressen sind Deutsch als Fremdsprache, Soziolinguistik, Gesprächsanalyse und Literatursprache. In ihrem kürzlich gemeinsam mit Simona Leonardi und Anne Betten herausgegebenen Band Emotionsausdruck und Erzählstrategien in narrativen Interviews. Analysen zu Gesprächsaufnahmen mit jüdischen Migranten setzt sie sich mit dem Tod der Eltern im Israel-Korpus auseinander.

  • 08. Januar 2020 – Dr. Inken Heldt (Universität Kaiserslautern)

    Die allgemeine Verklärung der Menschenrechte – Herausforderungen für ein kritisches Menschenrechtsbewusstsein

    Menschenrechte sind so etwas wie ein Fahnenwort unserer Zeit, auf das sich quasi alle politischen Kräfte positiv beziehen können. Der Vortrag diskutiert aktuelle empirische Befunde zum Stand des Menschenrechtsbewusstseins in Deutschland. Problematisiert wird, dass Bürgerinnen und Bürger einerseits Menschenrechte formal anerkennen, zugleich aber kaum in der Lage sind, lebensweltliche Handlungsimplikationen abzuleiten, wenn es konkret um offenen Rassismus und Diskriminierungen geht. Der Vortrag macht pädagogisch-politische Widerspruchslagen und Vereinnahmungsstrategien der Verwendung des Konzepts ›Menschenrechte‹ verständlich und formuliert Thesen und Herausforderungen für eine kritische(re) Menschenrechtsbildung.

    Zur Person

    Inken Heldt ist Juniorprofessorin für Didaktik der Politischen Bildung an der Technischen Universität Kaiserslautern. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Menschen- und Kinderrechte, der Transfer politikwissenschaftlicher Erkenntnis in die Gesellschaft sowie international vergleichende politische Bildung.

  • 15. Januar 2020 – Daria Jadreškić (Institut für Philosophie)

    Diversity as an Epistemic Value – From Individual to Social Objectivity

    Scientific knowledge is considered to be the most objective knowledge because it satisfies the most demanding standards of justification and rationality. Science is understood as both the product of scientific practices and the totality of these practices. However, science is also a complex social system comprised of both competing and collaborating groups and individuals. Epistemology and philosophy of science have until the last few decades considered scientific objectivity to be a desirable and achievable goal of the individual researcher. Nowadays, both the desirability and especially the achievability of this goal have been challenged. Objectivity is impossible to achieve individually since scientific evidence is open to interpretation so individual and group values and biases necessarily enter the interpretative process. The only way to meaningfully pursue objectivity is on the community level, by mutual criticism exemplified, for example, through peer review practices. 

    Traditional individualistic understanding of objectivity has been contested by social epistemologists who focus on ways in which knowledge is acquired in groups, rather than individually. Feminist approaches in epistemology and philosophy of science have particularly advanced the view that scientific objectivity is and should be achieved through diversity and inclusion of multiple perspectives. Besides traditional epistemic values, i.e. values that promote the attainment of truth, such as accuracy, consistency, and coherence, the new understanding of epistemic values includes diversity as an indicator of critical scrutiny that is beneficial for the goal of attaining knowledge. In this new understanding values should be embraced and communicated rather than restricted from entering the research process because they have an important critical role in the community-based search for knowledge. In the talk I will sketch this historical development, illustrate it with paradigmatic examples, and conclude with some contemporary problems and possible answers. 

    About

    Daria Jadreškić studied Philosophy and History at the University of Rijeka in Croatia and has been a member of the DFG research training group ›Integrating Ethics and Epistemology of Scientific Research‹ in Hannover since October 2016. Her research interests include general philosophy of science, values in science, social epistemology, and philosophy of medicine. 

  • 22. Januar 2020 – Dr. Maria B. Lange (Deutsches Seminar)

    Geschlechtergerechte Sprache im deutschsprachigen und englischsprachigen Raum

    Geschlechtergerechte Sprache in Deutschland ist ein Thema, mit dem sich seit 2017 ein interdisziplinäres Forschungsprojekt von Leibniz Universität Hannover (Germanistische Linguistik und Lehrstuhl für Öffentliches Recht) und Medizinischer Hochschule Hannover (Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie) beschäftigt.

    Zusätzlich zu sprachlichen, rechtlichen und psychologischen Aspekten der geschlechtergerechten Sprache in Deutschland heute interessieren auch die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland, die zu den heutigen sprachlichen Ausformungen führten. Im Rahmen des Masterstudienganges Deutsche und Englische Linguistik (DEL) der Leibniz Universität Hannover beschäftigten sich Studierende mit diesen Entwicklungen, insbesondere mit Frauenrechtsbewegungen und den durch diese angeregten sprachlichen Diskussionen und Entwicklungen in verschiedenen englischsprachigen Ländern. 

    Der Vortrag gibt Einblicke in die Arbeit des Projektes und der Studierenden.

    Zur Person

    Maria B. Lange studierte in Hamburg Anglistik, Spanische Sprache, Kultur & Literatur sowie Neue Deutsche Literatur. Durch ihr Interesse an barocken Handschriften kam sie an die Universität Bristol, wo sie über Sprachwandel promovierte. Derzeit arbeitet sie im Projekt Geschlechtergerechte Sprache in Theorie und Praxis am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover. 

  • 29. Januar 2020 – Dr. Alexa Mathias (Deutsches Seminar)

    Metaphern zur Dehumanisierung von Outgroups

    Gesellschaften sind fragmentarische Gebilde – so vollzieht sich soziales Handeln stets vor dem Paradigma der situativ konstituierten Eigen- und Fremdgruppe(n). In Abhängigkeit von den vielfältigen und variablen Rahmenbedingungen gestalten sich die Interaktion zwischen den jeweiligen Gruppen und die Art und Weise ihrer symbolischen Repräsentation des Anderen mehr oder weniger kompetitiv, mehr oder weniger respektvoll, mehr oder weniger gewaltsam. Eine wichtige – wenn nicht gar die wichtigste – Funktion kommt hierbei der Sprache zu: Indem Sprechergemeinschaften sprachlich handeln, stellen sie die zu verhandelnden Sachverhalte nicht nur symbolvermittelt dar, sondern schaffen durch ihr sprachliches Handeln soziale Tatsachen.

    Metaphern spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Sie verleihen auf Ebene ihrer sprachlichen Repräsentanten der Vorstellung Ausdruck, die sich eine Sprechergruppe von ihrem sozialen Gegenüber (der sog. Fremdgruppe) macht. Innerhalb bestimmter sozialer (auch: politischer) Rahmenbedingungen kann die Konzeption der Fremdgruppe durch die Eigengruppe Formen symbolischer Gewalt annehmen. Dies kann zum Beispiel durch die Verwendung von Metaphern unterschiedlicher Quelldomänen wie Tiere, Krankheiten, Schmutz oder Naturphänomene geschehen. Mittels der lexikalischen Vertreter dieser Domänen bzw. Felder referiert die Sprecher-Ingroup auf die Outgroup und ihre Mitglieder, um diese als nichtmenschlich zu konzipieren und darzustellen. Zudem leisten diese Metaphern einen konstitutiven Beitrag zur Begründung gegen den ›Feind‹ gerichteter Handlungen.

    Im Vortrag werden diese sprachlichen Ausdrucksformen eingehender beschrieben und ihre Funktion im Rahmen von Abwertungsstrategien und der ›Argumentation gegen den Feind‹ hervorgehoben.

    Zur Person

    Alexa Mathias arbeitet seit 2008 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover. Dort promovierte sie 2014 mit einer korpuslinguistischen Studie zum Sprachgebrauch in rechtsextremen Musikszenen. Zudem hat sie Gastaufenthalte an den Universitäten Zadar (Kroatien) und Sassari (Italien) absolviert. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist Politische Linguistik, derzeit v. a. Rechtspopulismus.

  • 05. Februar 2020 – Radhika Natarajan (Projekt LeibnizWerkstatt)

    Struktur als Halt oder die Verschiedenheit gleichlautender Begrifflichkeiten – Einige Überlegungen zu Fluchtmigration durch die Sprachbrille

    Laut dem Sachverständigenrat für Migration und Integration war Familienzusammenführung bis 2015 eine der häufigsten Migrationsarten, mithilfe derer sich der Lebensmittelpunkt Drittstaatsangehöriger in die Bundesrepublik Deutschland verlagern ließ. Zeitweilig steht zwar Asyl an erster Stelle, doch der Vorrang des Familiennachzugs bleibt unangefochten bedeutsam, dafür aber vergleichsweise wenig thematisiert. Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche sind davon betroffen, und dies trifft sowohl bei freiwilliger Arbeits- und Bildungsmigration als auch bei erzwungener Fluchtmigration zu, zumal die Grenzen zwischen den Migrationsarten immer schwieriger eindeutig festzulegen sind. Entsprechend vielfältig sind die mitgebrachten sprachlichen Ressourcen im biographischen Gepäck, sodass innerhalb einer einzigen Familie einige mit einer, andere mit mehreren Sprechsprachen einreisen, aufwachsen und den Alltag gestalten. Um der sprachlichen Mehrschichtigkeit der Gegenwart nachzuspüren, lohnt sich ein Blick in Studien zu bestehenden Flüchtlingscommunities.

    Der Vortrag nimmt biographisch-narrative Interviews mit sri-lankisch tamilischen Flüchtlingsfrauen als Grundlage für seine Überlegungen und geht vier Aspekten nach: Wie beeinflussen bestehende institutionelle Rahmenbedingungen im Aufnahmeland den Zugang zur Landessprache Deutsch? Wie prägen die im Exil entstehenden Selbst- und Gruppenzwänge die Einstellung zu mitgebrachten und vorzufindenden Sprachen? Welches Verständnis herrscht hierbei, wenn in den Interviews einerseits von ›wir‹, ›unser Kampf‹, ›unsere Sprache‹ und andererseits in den Diskursen über Geflüchtete und Migrierte von ›Mehrsprachigkeit‹, ›Herkunftssprache‹ die Rede ist? Allen Fragen gemeinsam sind der Faktor ›Struktur‹ auf verschiedenen Ebenen, und zwar einengende und befreiende, vorgegebene und erfundene Strukturen, die den nötigen Halt – oder zumindest den Schein davon – in der diasporischen Ferne bzw. im Aufnahmeland bieten, sowie gleichklingende Begrifflichkeiten bezüglich Sprache und Migration mit je unterschiedlicher Auslegung.

    Zur Person

    Radhika Natarajan, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leibniz School of Education und Lehrbeauftragte am Deutschen Seminar, ist zuständig für das Projekt LeibnizWerkstatt zur Sprachlernunterstützung für Geflüchtete. Sie organisiert u. a. die interdisziplinäre Vortragsreihe »mittwochs um vier« an der Leibniz Universität Hannover und gab 2019 das Sammelwerk Sprache, Flucht, Migration. Kritische, historische und pädagogische Annäherungen heraus. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind sprachliche Alltagsbewältigung und migrationsbedingte Mehrsprachigkeit, insbesondere in Bezug auf migrierte und geflüchtete Frauen.

KONTAKTPERSON

Radhika Natarajan
Sprechzeiten
nach Vereinbarung
Adresse
Lange Laube 32
30159 Hannover
Gebäude
Raum
220
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