Winterwerkstatt 2019

Die zweitägige Blockveranstaltung im neuen Jahr 2019 bot in bewährtem Stil mehrere Inputs zu Grundlagen der deutschen Sprache, zur kreativen und sprachsensiblen Unterrichtsgestaltung und zu den Rahmenbedingungen. 

PROGRAMM

  • 11.01.2019 Spielerischer Zugang, Rechtlicher Rahmen

    Freitag, den 11.01.2019; 14:00 - 18:30 Uhr           Lange Laube 32, Raum 201

    14:00 - 14:30 Uhr
    Vorstellung und Interessenerkundung
    Radhika Natarajan (LeibnizWerkstatt)                                         

    14:30 - 16:00 Uhr
    Werkstatt Plus: Spiele im Unterricht
    Workshop und Austausch
    Ketevan Zhorzholiani (LeibnizWerkstatt)

    16:15 - 18:00 Uhr
    Flüchtlingsunterkunft: Frauen kommen zur Sprache und gestalten mit
    Werkstatt und Diskussion
    Yildiz Sahinde Demirer (Hochschule Hannover & Integrationsmanagement)

    18:00 - 18:30 Uhr
    Roter Faden: Erste Einsichten
    Radhika Natarajan (LeibnizWerkstatt)

  • 12.01.2019 Vielfalt der Fächer und Kulturen; Ästhetischer Zugang und Sprache

    Samstag, den 12.01.2019, 10:00 - 18:30 Uhr                    Lange Laube 32, Raum 201

    10:00 - 12:00 Uhr
    Ethnomathematik: Es gibt nicht die Mathematik, sondern nur Mathematiken
    Input und Austausch
    Hanh Vo Thi (Institut für Didaktik der Mathematik)

    12:00 - 12:45 Uhr
    Grundlagen Deutsch als Zweit- und Fremdsprache, Teil II
    Werkstatt und Diskussion
    Radhika Natarajan (LeibnizWerkstatt)

    12:45 - 13:30 Uhr
    Mittagspause

    13:30 - 15:30 Uhr
    Wahrnehmung von Differenz (im Schulkontext)
    Video- und Schulbuchanalyse
    Linda Sterzik (Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung)

    15:30 - 17:30 Uhr 
    Kunst und Spiel öffnen Herz und Hirn
    Theaterpädagogischer Sprachzugang: Workshop mit Praxisanleitung
    Franziska Aeschlimann (boat people projekt)

    17:30 - 18:30 Uhr
    Grundlagen Deutsch als Zweit- und Fremdsprache, Teil III
    Reflexion und Ausklang
    Radhika Natarajan (LeibnizWerkstatt)

Spiele im Unterricht, Informationen zu Lehrwerken sowie eigene Erfahrung mit Lernen und Lehren konnten wir bei der Winterwerkstatt 2019 ausprobieren, kennenlernen bzw. austauschen. Dem Programm ist die genaue Zusammensetzung von Theorie und Praxis zu entnehmen. Zum ersten Mal traf sich die Gruppe in der Langen Laube 32, Raum 201, im 2. Stock.

ABLAUF DER WERKSTATT

(a) Spielen im Unterricht

Ketevan Zhorzoliani (LeibnizWerkstatt)

Ketevan Zhorzholani gab den Auftakt der Winterwerkstatt mit ihrem Workshop Spiele im Unterricht. Dabei thematisierte sie unter anderem die einzelnen Prozesse, die für den Einsatz von Spielen in Deutschkursen notwendig sind. In der Vorbereitung sollte die Lehrperson diejenigen Spiele wählen, die sie selbst gerne spielt, denn um Motivation und Spaß zu wecken, bedarf es eben auch der eigenen Authentizität. Bei der Durchführung von Spielen ist es wichtig, flexibel zu sein und auf aufkommende Hemmnisse zu reagieren. Wenn wir nicht zu starr in unseren Regeln gefangen sind, können wir Spiele in vielerlei Hinsicht umwandeln, weiterentwickeln und neu erfinden.

Außerdem thematisierte Zhorzholiani auch verschiedene Gründe, warum Spiele im Unterricht keinen sinnlosen Zeitvertreib darstellen. So wecken sie nicht nur die Motivation für neue oder auch schwere Themen, sondern ebenso die Teilnehmenden, wenn mal wieder die Luft raus ist. Zudem eignen sich Spiele auch für die kognitive Aktivierung – was gerade für den Unterrichtsbeginn einen guten Einstieg ermöglichen kann – und fördern die Kommunikation in den Kursen, dabei sind zu Anfang Kennlernspiele für die Herstellung einer vertrauten Atmosphäre und den Abbau von Barrieren förderlich.

(b) Flüchtlingsunterkunft: Frauen kommen zur Sprache und gestalten mit

Yildiz Demirer (Hochschule Hannover & Integrationsmanagement)

Yildiz Demirer ist Mitbegründerin des internationalen Erzählcafés für Frauen. Unter Erzählcafés können wir Gruppentreffen verstehen, die den Austausch und die Förderung von Kommunikation in verschiedenerlei Hinsicht fördern sollen. Mittlerweile haben sich glücklicherweise einige dieser Erzählcafés (oft auch in Form von Sprachcafés) etabliert. Was aber macht das Internationale Erzählcafé für Frauen so besonders?

Die Antwort liegt im Namen. Demirer hat früh erkannt, dass die Gruppe geflüchteter Frauen, die von der Gesamtzahl der Geflüchteten in Hannover 30 % darstellt, wenig Möglichkeiten hat, adäquate Angebote wahrzunehmen. Um der Isolation vorzubeugen und die Bedürfnisse dieser Frauen aufzugreifen, wurde das Projekt ins Leben gerufen. Durch die Beschränkung auf den Besuch von ausschließlich Frauen möchte Demirer einen sicheren Raum schaffen, in dem sich frei bewegt werden kann. Nur so wird den Gruppenmitgliedern eine langsame Öffnung ermöglicht und ein Ort gegeben, ihre Schicksale und Erfahrungen zu artikulieren und mit anderen Frauen zu teilen. Neben dieser seelischen Stütze bietet das Erzählcafé auch vielfältige Aktivitäten in den Bereichen Sport, Kochen, Tanz und Sprache an. Das Fahrradfahren, der Besuch von Trommelkursen sowie der Einsatz von Kunst und Theater stellen nur einen kleinen Bereich dar, den das Projekt abdeckt.

(c) Ethnomathematik: Es gibt nicht die Mathematik, sondern nur Mathematiken

My Hanh Vo Thi (Institut für Didaktik der Mathematik)

Mit ihrem Input zu Ethnomathematiken hat Hanh Vo Thi die Hürden aufgezeigt, die durch die Vermittlung eines universalistischen Mathematikbildes entstehen. Der Anspruch der eurozentrierten »Universalmathematik« vermittelt die Sichtweise, dass es nur die eine, höchste Form der Mathematik gibt und Mathematiken aus anderen ethnischen Kreisen als primitivere Formen gewertet werden. Dabei sind das komplexe Knotensystem der Inka, das objektbezogene Zahlensystem der Cabécar, einer indigenen Gruppe in Costa Rica, aber auch die babylonische Zahlenschrift, die unser Zeitsystem maßgeblich geprägt hat, alles andere als primitiv, sondern hoch komplex.

In ihrem zweiten Teil stellte Thi mögliche Probleme vor, auf die Schülerinnen und Schüler (SuS) mit Migrationserfahrung stoßen könnten, wenn sie mit dem deutschen Mathematikunterricht konfrontiert werden. Dabei ist die Mathematiklehre bereits innerhalb des deutschen Schulsystems ziemlich divers, was durch die unterschiedlichen Curricula der Bundesländer zum Tragen kommt. SuS aus Italien oder auch aus den osteuropäischen Ländern thematisieren bspw. sehr selten bis gar nicht Textaufgaben in ihrem Heimatunterricht und besitzen keine Routine im Umgang mit diesem Aufgabenformat. So können sich im deutschen Mathematikunterricht in der Herangehensweise von Textaufgaben Fehlerquellen ergeben, obwohl der Rechenvorgang an sich bereits gekonnt ist und verstanden wurde. Eine weitere Schwierigkeit, die sprachlich bedingt ist und auch für SuS ohne Migrationshintergrund oder -erfahrung gilt, ist die, dass Präpositionen in Mathematikaufgaben kontextgebunden sind. Wenn Jasmin einen Gutschein über 10 Euro zur Verfügung hat oder mit einem Flugzeug operiert werden soll, das unter einem Winkel von 90 Grad landet, liegt die Problemquelle oft auf sprachlicher Ebene und bedeutet nicht, dass die SuS die Aufgabe nicht lösen könnten.

Vo This Appell richtet sich an die zukünftigen Lehrenden, auch sprachliche Konflikte, Lerngewohnheiten und unterschiedliche Schulsozialisationen außerhalb des Deutschunterrichts wahrzunehmen und für die vielfältigen Hintergründe der SuS sensibilisiert zu sein.

(d) Wahrnehmung von Differenz (im Schulkontext)

Linda Sterzik (Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung)

Wenn wir ein Bild sehen, dann assoziieren wir viele Dinge mit diesem Bild. Vor allem greifen wir auf unsere Erfahrungen zurück und suchen die Merkmale und Aspekte, die wir bereits kennen oder zumindest glauben zu kennen. Linda Sterzik greift in ihrem Vortrag diese Eigenschaft des menschlichen Denkens auf und führt uns vor, wie wir selber in der Interaktion mit Menschen diese Bilder evozieren. Wenn wir eine einbeinige Person in der beruflichen Ausübung der Briefträgerin sehen, dann entstehen in unserem Kopf Widersprüche. Wenn wir eine Person sehen, die äußerliche Merkmale trägt, die uns »fremd« erscheinen, assoziieren wir diese Person als nicht zugehörig. Das Denken in Kategorien ist bekannterweise hinderlich und nicht wünschenswert, doch trotzdem tun wir es. Dabei entwickeln sich Stereotype in unseren Vorstellungen über die oder den »Fremden« bereits in der Schulbildung. Sterzik stellte uns einige Schulbücher aus verschiedenen Jahren vor, die solche Alteritäten bedienen und vorder- sowie auch hintergründig in den Unterricht integrieren. Dabei fiel vor allem der markierende, unsensible und offensichtliche Charakter vieler Aufgaben auf, die sich mit dem Thema »Fremde« befassen. Damit wir eben dieser starken Form von Stigmatisierung entgegenwirken können, sind gesellschaftlich-politische Konzepte wie die Inklusion und die Wertschätzung von Diversität notwendig, sodass eine einbeinige Briefträgerin oder eine Lehrerin mit Kopftuch eben nichts Besonderes mehr sind.

(e) Kunst und Spiel öffnen Herz und Hirn (Theaterpädagogischer Sprachzugang: Workshop mit Praxisanleitung)

Franziska Aeschlimann (boat people projekt)

Franziska Aeschlimann ist Workshopleiterin im Freien Theater boat people projekt in Göttingen. In ihrem Workshop Kunst und Spiel öffnen Herz und Hirn animierte uns die Schauspielerin dazu, mehr Körpersprache und -präsenz in unseren Unterricht zu integrieren. Dafür stellte uns Aeschlimann einige theaterpädagogische Spiele vor, die auch ohne Sprache auskommen und mit Hilfe von Pantomime erfahrbar gemacht werden. Den Körper als kommunikatives Medium zu verwenden, sollte auch in Sprachkursen gelehrt werden, denn so wie wir uns präsentieren, wirken wir auch auf unser Gegenüber. Für die Selbstpräsentation zählen auch die Intonation und Lautstärke der Stimme als wichtige Kriterien unseres Auftretens. Durch Begrüßungs- und Vorstellungsspiele sollen die Teilnehmenden dazu bewegt werden, im geschützten Rahmen der Kursgemeinschaft ihre Stimme selbstbewusst zu inszenieren. Zu Beginn können auch Paargruppen gebildet werden, um den Druck zu entlasten, der sich durch das Im-Mittelpunkt-stehen aufstaut.

Auch der musische Zugang zur Sprache wurde thematisiert und beworben. Die kulturelle Vielfalt in den Sprachkursen sollte als Ressource gesehen und wertgeschätzt werden. Musik ist eine Herzenssprache und das gemeinsame Singen kann bei Bedarf und Lust so manche Türen öffnen und Mut sowie auch Kraft geben. Dabei betont Aeschlimann, dass sich das Lieder schenken lassen als gute Methode bewährt, in der die Teilnehmenden unterschiedliche Lieder in ihrer Erstsprache miteinbringen können. Internationale Lieder wie »Bruder Jakob« sind auch eine Möglichkeit, die sprachliche Diversität musisch in den Unterricht miteinzubinden.

Als letzter Themenkomplex wurde der Einsatz von Improvisation eingeführt. Dabei lassen sich improvisierte Gesprächssituationen und -szenen gut für Übungen der Alltagsprache und Spontansprache nutzen. Aber auch das Beschreiben und Erzäh-len erweisen sich als sinnvolle Herangehensweisen. So können das Austeilen von Postkarten, die Aufforderung diese in einem Monolog zu beschreiben und die Be-antwortung anschließender Fragen den Zugriff auf den Wortschatz und spezifisches Vokabular anregen. Die Schaffung von Sprachgelegenheiten bietet den Teilnehmenden die Chance, ihr bereits erworbenes Sprachwissen anzuwenden und gleichzeitig zu festigen.

(Resümees verfasst von Siham Schotemeier)


VORIGE JAHRE